Anspruch vs. Wirklichkeit

Die Fußballwelt könnte so schön sein: Wer das meiste Geld hat, kann sich ohne weiteres die besten Spieler kaufen und holt mit diesen fortlaufend Titel und fährt ungefährdete Siege ein. Die Konkurrenz verzweifelt und die Liga wird, die Spitzenplätze betrachtet, langweilig. Konkurrenzdruck gibt es nur innerhalb der Mannschaften und nicht mehr in der Tabelle. Verein A hat einen Etat von 35 Millionen Euro und Verein B von 42 Millionen und wie selbstverständlich gewinnt deswegen auch Verein B. Doch es ist nicht immer so einfach: Geld schießt nicht immer Tore und bloße Zahlen holten noch nie Titel. Die Verpflichtung von Stars macht Sportwetten nicht einfacher, weil jeder mal einen schlechten Tag hat oder im neuen Team einfach nicht funktionieren will. Als Anhänger von RB Leipzig muss man sich, glaubt man dem Gerede von vereinsfremden Red Bull boykottierenden Fans, aber über Niederlagen, verpasste Saisonziele oder geplatzten Transfers keine Gedanken machen.

Okay muss man doch: Platz 7 in der Liga ist für einen Aufsteiger zwar aller Ehren wert, aber für den verwöhnten Erfolgsfan einfach zu wenig. Die Konkurrenz spielte RB dabei sogar noch in die Karten und ermöglichte diesen „Platz im gesichertem Mittelfeld“ erst durch überraschende Niederlagen und ungenutzte Chancen. RasenBallsport hatte hingegen auch schon die eine oder andere Möglichkeit in der Tabelle weiter vorn zu stehen, aber immer, wenn man „Ein Sieg und wir sind auf Platz xy“ sagen konnte, verlor man. Die Niederlagen oder auch mal Unentschieden, waren dabei nicht immer hochklassig, aber unglücklich, sondern in der letzten Zeit für viele unnötig und peinlich. Ein Sieg ist natürlich immer nötig. Selbst wenn man mit 10 Punkten die Liga anführt, will man immer weiter gewinnen. Wo es früher darum ging irgendwelche Rekorde zu knacken, befürchtet man in Leipzig aber inzwischen, dass man, trotz des guten Kaders und der hervorragenden Möglichkeiten, ein weiteres qualvolles Jahr in der zweiten Liga verbringen muss. Über den Sinn oder Unsinn eines sofortigen Aufstiegs kann man sich streiten und natürlich haben beide Seiten Recht: Von den finanziellen Möglichkeiten können andere Vereine nur träumen und auch die Trainingsbedingungen sind ausgezeichnet, aber trotzdem ist RB Leipzig nur ein Aufsteiger und neue Spieler müssen integriert werden und sich im Mannschaftsgefüge zurecht finden. Einzelspieler machen vielleicht mal ein Tor, aber gewinnen kann trotzdem nur die Mannschaft und eben diese muss funktionieren. Laufwege müssen bekannt sein und auf verschiedene Situationen muss man schnell und effizient reagieren können. Das Spielverständnis sollte dabei im Training vermittelt werden.

Die Trainerfrage: Kommt Zorniger nicht mehr an die Mannschaft ran?

Es ist einfach dem Trainer die Schuld zu geben, aber wer sonst trainiert die Mannschaft? Das Potential innerhalb der Mannschaft ist enorm. Kimmich, Rebic, Poulsen, Kaiser etc. wären in einer anderen Mannschaft wohl die Stars, aber bei RB sind sie nur ein Star von vielen. Auch richtig ist aber, dass andere Teams auch herausragende Einzelspieler haben, die im Alleingang ein Spiel entscheiden könnten. Könnten das bei Leipzig auch einige, aber wieso machen sie es nicht? Ein genialer Pass von Kaiser in die Spitze auf Poulsen, dieser tanzt zwei Verteidiger aus und versenkt die Kugel im Netz. Wann hat man so etwas das letzte Mal erlebt? Im Normalfall ist es eher: Langer Ball von Jung auf Poulsen, der den Ball vertändelt oder Kimmich bleibt in der Abwehr hängen.

Fußballmeister RasenBallsport Leipzig
Man wird ja wohl noch träumen dürfen.
Die Umstellung auf 4-3-3 muss diesen „Grottenkick“ nicht im Weg stehen. Mehr Stürmer, die Bälle vorne annehmen, aber weniger Spieler im Mittelfeld, die diese erobern und verteilen? Man kann gespannt sein, wie diese Taktik funktioniert, wenn sie eingespielt ist. Dass dies irgendwann der Fall sein wird, ist anzunehmen. Besucht man mal eine öffentliche Trainingseinheit sieht man, was und vor allem wie trainiert wird. Das Teambuilding steht in vielen Einheiten an oberster Stelle und das ist nicht zwangsläufig verkehrt. Alle können Fußball spielen, aber man braucht das Verständnis, was der Mitspieler macht und vorhat um erfolgreich zu sein. Eine gute Chemie innerhalb der Mannschaft ist auch bei Mannschaften, die nicht unbedingt mit spielerischer Raffinesse aufwarten können, häufiger der Erfolgsgarant. Gegner wie Aue oder Aalen sollten aber auch unabhängig von der fehlenden Kenntnis über Laufweg besiegbar sein. Zumindest die Zahlen auf dem Papier zeigten einen klaren Favoriten auf. Trotzdem reicht es nicht zu den prognostizierten Siegen, aber das macht ja die Faszination Fußball aus: Unberechenbar und dadurch überraschend. Als Fan würde man es natürlich lieber sehen, wenn die Mannschaft jeden Spieltag einen ungefährdeten Sieg einfährt, aber das wäre auf Dauer wohl doch langweilig. Wieso sollte man ins Stadion gehen, wenn die Mannschaft auch ohne die eigenen Unterstützung jeden Gegner vom Platz fegt? Der geneigte Erfolgsfan würde wohl auch dann noch kommen und mit dem Champagner in der einen Hand und der Klatschpappe in der anderen die Spiele genießen können. Es ist herzschonender und beruhigender für Fans, wie auch Spieler und Trainer gleichermaßen, wenn man nicht bis zur 91. Minute hoffen und bangen muss. Als Trainer steht man ohnehin immer im Fokus. Wenn ein Spieler eine 100 prozentige Torchance nicht nutzt, dann ist es egal, wenn die anderen wenigstens treffen, aber als Trainer bist du für viele schnell der Sündenbock, wenn es mal nicht so läuft. Alexander Zorniger, welcher RB Leipzig zu zwei Aufstiegen führte, steht für viele auch schon auf der Abschussliste. Seit Wochen wird der Name Tuchel gerne als Nachfolger missbraucht und dabei ist für viele nicht der Tabellenplatz das Ausschlaggebende, sondern das „Wie“. Wie verliert man und wie gewinnt man. Selbst Siege waren in der letzten Zeit nicht wirklich schön und wenn man dann noch hört, dass man attraktiven Vollgasfußball spielen will, ist diese konträre Situation für viele nicht auszuhalten. Ob aber ein Tuchel diesen attraktiven Fußball wieder möglich machen würde? Steht Zorniger im Training da und verlangt von den Spielern möglichst schlecht zu spielen? Sagt er überhaupt etwas und kommt dadurch die scheinbar falsche Kommunikation zu stande? Es gibt viele Gründe, die man für den fehlenden (schönen) Erfolg heranziehen könnte, aber wirklich einen Einblick hat man nicht. Wieso steckt Borussia Dortmund, trotz des teuersten Kaders der Vereinsgeschichte, mitten im Abstiegskampf? Im Umfeld vom BVB hört man fast nie, dass Klopp an der Miesere schuld ist und das, obwohl die Dortmunder Anhänger in den letzten Spielzeiten mit Erfolgen verwöhnt wurden. Natürlich liegt hier eine ganz andere Ausgangssituation vor und man könnte auch andere Beispiele nennen, wo der Rauswurf des Trainers gefordert wird oder der Trainerwechsel sogar Erfolg brachte, aber für wie lange?

Wenn’s mal schlechter läuft, schmeißt ihr eure Helden raus!

Wie beim möglichen Abschied von Daniel Frahn dürfte der Aufschrei bei einer Entlassung von Zorniger groß sein. Der, der uns in die zweite Liga führte, soll auf einmal nicht mehr gut genug sein? Aber wie bei Frahn muss man die Frage zulassen, ob es am Ende einfach nicht für mehr reicht. Wenn Fußballer nur bis zu einem gewissen Niveau mithalten können, dann sollte dies auch für Trainer gelten. Die Anforderungen an das Training an sich, steigen von Liga zu Liga und kein Spieler ist wie ein anderer. Manche verstehen ein Spielsystem sofort und andere benötigen eine viel intensivere Betreuung. Darüber hinaus wird bei Zorniger auch bemängelt, was selbst der derzeit ausgeliehene Spieler Clemens Fandrich hervorhob, dass die taktische Ausrichtung hinlänglich bekannt und nicht variabel ist. RB Leipzig ist nicht in der Position, dass man so übermächtig stark ist, dass sich die gegnerischen Mannschaften immer an das System anpassen müssen. Die schnelle Ausrichtung und der Zug zum Tor sind schön und gut, aber man ist anfällig für Konter und man benötigt auch eine gewisse technische Ausbildung für diese taktische Vorgabe und diese scheint derzeit nicht gegeben zu sein. Man kann nicht verlangen, dass man mit drei Pässen bis in den Strafraum kommt, wenn schon der erste Pass zu ungenau ist. Entweder sind also die Voraussetzungen nicht gegeben, dass man Pässe schnell und gezielt annimmt und verarbeitet oder inzwischen wird etwas ganz anderes gewünscht, aber nur noch nicht eins zu eins umgesetzt. Die Voraussetzungen kann man schaffen, aber das gelingt nicht innerhalb einiger Trainingseinheiten und deswegen wäre eine Variation innerhalb der taktischen Vorgaben der beste Weg. Wieso nutzt man nicht die Schnelligkeit, die Spieler wie Poulsen oder Teigl mitbringen und setzt selbst auf Konter? Wieso versucht man nicht den Ball mit zehn oder mehr Kurzpässen aus der Abwehr in den Strafraum zu bringen? Immer schnell und hoch ist nicht nur bekannt, sondern schlicht und einfach nicht möglich, da die Bälle zu selten ankommen oder die Stürmer den Ball direkt wieder verlieren. Selbst wenn man mit Kurzpässen nicht bis in den Strafraum kommt, könnte aber auch Weitschüsse ein gutes Mittel sein. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es einige Spieler in den Reihen von RBL gibt, die auch das Tor treffen, wenn sie nicht fünf Zentimeter davor stehen. Wieso versucht man also den Ball möglichst kompliziert ins Tor zu tragen und verliert ihn dann doch nur, weil auch der dritte und vierte Abwehrspieler noch umkurvt werden muss?
Schönspielen ist toll, aber das, was derzeit gespielt wird, ist nicht schön.
Erfolgreich spielen wäre für die Meisten ohnehin erst einmal wichtiger und danach kann man an der Schönheit arbeiten. Dieses Meckern auf hohen Niveau mag für Fans von anderen Vereinen ein Luxusproblem sein, aber kann man es sich in Leipzig leisten, sich diesen Luxus nicht herauszunehmen? In den meisten Punkten kann man RB nicht mit anderen Vereinen vergleichen und deswegen darf man auch sagen, dass Platz 7 und das „wie“ zu wenig sind. Zu wenig für verwöhnte Erfolgfans, die nicht wie in Liga 4 warten wollen. Die, die aus der dritten Liga ganz anderes gewöhnt sind und annahmen, dass kostspielige Transfers das spielerische Niveau noch weiter erhöhen und man sich vor kaum einer Mannschaft im deutschen Fußball verstecken muss. Die erste Annäherung an RB Leipzig erfolgte nicht, weil da eine große Geschichte dahinter steckt. Man wird zwangsläufig ständig damit konfrontiert, dass man anders ist, weil genug Geld vorhanden ist. Die Erwartungen waren von Anfang an andere und doch konnte man stolz darauf sein, dass immer gepredigt wurde, dass man eben nicht große Namen für teures Geld holen will um einfach nur erfolgreich zu sein. Die Forderungen nach einem gesunden Wachstum auf der einen Seite, aber auf der anderen verlangt zum Beispiel Sportdirektor Ralf Rangnick schon fast den Aufstieg. Wie passt das zusammen und was will man wirklich in Leipzig? Was wollen die, die jedes Wochenende ihre Freizeit opfern? Nur Erfolge oder doch eine Mannschaft, auf die man stolz sein kann?

2 Kommentare zu “Anspruch vs. Wirklichkeit

  1. es ist doch ganz einfach:wenn die vorgegebenen ziele nicht erreicht werden,muss der trainer gehen. das war schon immer so.man kann ja auch schlecht die gesamte mannschaft auswechseln.es kann nunmal einfach sein,das zorniger die mannschaft nicht mehr gut genug trainieren kann.das man nur eine taktik hat,ist auch so ein unding.

  2. Das man immer, wenns mal nicht so läuft den Trainer entlassen muss. Was soll das? Zorniger kann doch nichts dafür, wenn die Spieler keine Pässe spielen können. Er kann ja schlecht die gesamte Elf auswechseln. Ich finde es besser, wenn man langfristig etwas aufbauen will, als dem schnellen Erfolg zu jagen. Ein anderer Trainer könnte auch nicht automatisch mehr aus den Spielern herausholen. Derzeit ist eben mal eine schlechtere Phase, aber bald wird wieder guter und erfolgreicher Fußball gespielt und die ganzen „Zorniger-Raus“-Leute sind auf einmal wieder seine größten Fans.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.