Geheilt von der Bullenseuche

Das war’s. Aus und vorbei mit RB Leipzig und mir. Nach all den Spielen und all den schönen, aber auch nicht so schönen Erlebnissen kann ich diesen Verein nicht weiter treu sein.

Bullenschwein, Rattenball Leipzig, Kommerzhure, Hurensohn (Egal, ob man männlich oder weiblich ist), emotionslose Zombies und noch viel mehr muss man sich als Konsument von RasenBallsport Leipzig anhören. Es ist egal, ob man alt oder jung ist. Ob man ein kleines Kind ist, was mit seinen Eltern sich in Sektor A sitzt oder in Sektor B über 90 Minuten hinweg die Mannschaft anfeuert: Alles kommerzgeile Fußballzerstörer, die die wahren Werte des Sports mit Füßen treten. Leidenschaft, Tradition, Emotionen und all die anderen Dinge, die RB Leipzig nicht zu bieten hat und bei anderen Mannschaften kaputt macht.

Die ganzen Proteste, die nicht nur rund um Spiel von RBL die letzten Monate stattfanden, sind alle berechtigt und der Hass beruht nicht auf Neid, eigener Inkompetenz oder Enttäuschung über den eigenen Verein. RB Leipzig ist schlimmer als alles, was den Fußball an sich seit Jahren verändert hat. Ich bin aufgewacht.

Nie mehr Sektor B. Nie mehr die Stille genießen oder sich mit seinem Sitznachbarn über die letzte Folge „Der Bachelor“ austauschen. Nie mehr die Mannschaftsaufstellung von der Anzeigetafel ablesen müssen und nie mehr überhöhte Preise für Champagner bezahlen. Endlich wieder in der ARD die Zusammenfassung der Spiele anschauen oder zurück zum Unterwasserhalma.
Vielleicht gehe ich jetzt aber zu einen der einzigen ehrlichen Vereine in Leipzig: Lokomotive Leipzig (Gegründet in der heutigen Form: 2003) oder BSG Chemie Leipzig (1997 gegründet – Erste Saison 2008/2009). Beide Vereine bieten ihren Fans sehr viel. In den unteren Ligen ist ohnehin der Anreiz für Sponsoren geringer und beide Vereine kommen ohne große Summen und Namen aus. Die Umstellung von mindestens 15 000 auf 1 500 Fans wird merkwürdig und auch das Mitsingen wird ungewohnt, aber man gewöhnt sich an alles. Die geläufigen Fangesänge („Scheiß Red Bull“, obwohl gar kein Red Bull verkauft wird) sind mir zwar noch etwas fremd, aber alles war mal fremd und neu und wurde trotzdem immer mit Toleranz und Respekt behandelt.
Ob ich aber meinen neuen Sportskameraden erzählen sollte, dass ich ein paar Jahre bei RB Leipzig auf dem Gehaltszettel als „Premium-Fan“ stand? Ich möchte nicht weiterhin bedroht werden und von daher bleibe ich lieber inkognito.


RB LeipzigIch hoffe, dass noch mehr Konsumenten von RB Leipzig aufwachen. Ich lief auch hinterher. Die Utopie einer neuen schönen Fußballwelt ohne die Angst zu haben, dass ein anderer Verein den Lieblingsspieler abkaufen könnte und ohne die Angst, dass der Verein aufgrund von irgendwelchen möchtegern Managern, die Misswirtschaft betreiben, Insolvenz anmelden muss. Die Vorstellung, dass man nur noch über Erfolge Jubeln kann, war so verlockend. Mir hätte es schon viel früher klar werden müssen. In bald 6 Jahren kam es nur zu 3 Aufstiegen und das war viel zu wenig. Man belog uns von Anfang an! Nichts mit familiengerechten Erfolgen und alles umsonst. Allein in dieser Saison kam es schon 16 Mal zu Spielen, in denen man als Erfolgsfan am liebsten schon vor dem Schlusspfiff gehen wollte. Wie kann man 10 mal Unentschieden spielen, wenn man doch so viele Erfolgsfans um sich herum versammelt hat? Wie oft stand ich ohne Eintrittskarte und Geld vorm Stadion und mir wurde der Eintritt verwehrt? Wie oft stand ich im Red Bull Shop und man wollte mir nicht mein Gratis-Trikot aushändigen? Ich sah kleine Kinder, die auch den Lügen glaubten und weinten, weil ihre Eltern doch Geld für den Eintritt bezahlen mussten. Diese Ungerechtigkeit, dass alle, außer man selbst, immer Freikarten erhielten. Diese Unterscheidungen zwischen Konsumenten, die eben doch ab und zu mal „Auf geht’s Leizpiger Jungs“ singen wollten und eben nicht immer nur „Red Bull ist super, Red Bull ist toll, man kann damit fliegen und fühlt sich wundervoll“ aufsagen. Es hat mich von Anfang an gestört, dass ich immer nur sitzen durfte. Selbst wenn ich während des Spiels auf die Toilette musste, ging dies nicht ohne eine Rechtfertigung bei den Security.
Ich kann mich nur bei allen Hatern, Nein-zu-RB-Sagern und Bannermalern bedanken, dass sie mich vor der grausamen Werbewelt von Red Bull in Leipzig bewahrt haben.
Wobei: Gestern war es ja ganz schön. Es gab neue, wohl von Red Bull genehmigte, Gesänge und RB Leipzig hat sogar mal an einen Montag gewonnen. Da springt der Stein, der dort, wo andere ein Herz haben, eines Erfolgsfans höher. Ich weiß auch nicht, ob ich ohne meine tägliche Ration Red Bull überhaupt wach bleiben kann. Wie machen das Nicht-Konsumenten? Gibt es einen Ersatzstoff oder ähnliches? Ich habe schon etwas von „Kaffee“ gehört, aber das ist mir irgendwie suspekt und das wäre für mich auch neu und als Traditionsfan habe ich nicht nur etwas gegen modernen Fußball, sondern gegen alles moderne also der zeit entsprechende. Wieso müssen sich Dinge auch ändern? War nicht früher alles besser?
Ich wäre gerne Anhänger von einer Mannschaft, die Tradition hat, aber auch eine Geschichte, auf die man stolz sein kann. Jeder Verein hat aber Kapitel durchlebt, die nicht wirklich als „schön“ zu betrachten sind und das bezieht sich nicht auf den sportlichen Erfolg, sondern auf Vereinsinterna, andere Anhänger, Hass und dergleichen. Bei RasenBallsport Leipzig hat jeder die Chance aktiv Teil der Geschichte zu werden. Was würde es mir bringen, bei einem großen deutschen Verein Mitglied zu sein? Die Möglichkeit irgendwelche Posten zu wählen, die dann selbst wiederum wählen und am Ende kann ich doch nicht mitbestimmen, welches Unternehmen, unabhängig vom gebotenen Geld, als Trikotsponsor auftreten darf. Unabhängig vom Geld was bleibt da? Das Trikot selbst genäht, weil auch der Ausrüster nur Geld bezahlen würde und die Spieler laufen für eine warme Kartoffelsuppe auf. Die Fanschals von der Großmutter beim sonntäglichen Kaffeeklatsch gehäkelt und die Auswärtsfahrten mit dem Audi A4 Avant angetreten. Oh nein bloß nicht Audi. Mit dem guten alten traditionellen Trabant.

Hatschi

Es tut mir leid: Ich kann nicht anders. RasenBallsport Leipzig bietet mir keine finanziellen Anreize und auch in der Kurve von RB Leipzig gibt es mal schlechte Stimmung und auf dem Rasen wird nicht immer erfolgreich agiert, aber bei RBL habe ich gefunden, was sich jeder Fan wünscht: Eine sportliche Heimat. Eine Heimat, die man mitgestalten kann und in der man nicht für die Vergangenheit verurteilt wird.
Vielleicht ist das nicht für immer so, aber bei Lokomotive Leipzig kann man auch nicht wie früher durch staatliche Unterstützung Meisterschaften gewinnen. Man kann nur versuchen jetzt die Zeit, die man hat, ohne Hass, Missgunst und dergleichen zu genießen. Selbst wenn wir für andere nur Konsumenten sind, so müssen wir trotzdem nicht geheilt werden. Der Genuss von Red Bull hat uns nicht verseucht. Wir sind Fans und egal, wie man es dreht und wendet: Wir sind traurig, wenn RB Leipzig verliert und wir jubeln über ein Tor. Uns unterscheidet vielleicht die Vereinsfarbe und der Trikotsponsor von anderen Anhängern, aber wir gehen ins Stadion um unsere Mannschaft zu unterstützen und das sollte jeden Menschen gestattet sein.

Für Leipzig. Für RB. Für rot-weiße Fankultur.

Anmerkung nur für die Red Bull GmbH: Ihr habt einigen von uns noch nicht das Fangehalt für diesen Monat bezahlt. Bis zum nächsten Spiel nachholen, sonst vergessen wir alle aus Versehen unsere Klatschpappen zu Hause.

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