Mit Fanartikeln durch die Stadt – Normalität oder potentiell gefährlich?

Im Stadion sieht man kaum einen Zuschauer ohne, aber außerhalb von Spieltagen erblickt man sie eher selten: Fanutensilien von RasenBallsport Leipzig. Was als „Verleumdung“ des eigenen Vereins abgewertet werden könnte, kann schlichtweg aber auch eine Vorsichtsmaßnahme sein. Als Fan von RB Leipzig lebt man nicht immer ungefährlich, oder trügt das Bild und Anfeindungen findet man, wenn überhaupt, nur noch in der virtuellen Welt?

Heute wurde bekannt, dass ein U23-Torhüter von Lokomotive Leipzig im September 2014 Opfer einer Prügelattacke wurde (Artikel auf bild.de) und dieser nach dem Übergriff verständlicherweise nur noch ungern den Ort aufsucht, an dem das Verbrechen geschah. Dieser Vorfall erinnert stark an gewisse Drohungen, die (meistens) Halbstarke im Internet gegen Fans von RB Leipzig aussprechen. Nicht selten wird Gewalt angedroht, aber auf der Straße sind zum Glück Fans nur schwer zu erkennen, außer man schmückt sich mit Fanutensilien.
Schaut man sich auf Facebook, Twitter und Co um, fällt auf, dass unter RasenBallsport Leipzig Fans diese Fanutensilien als Weihnachtsgeschenke sehr beliebt waren beziehungsweise allgemein gerne Fanartikel eingekauft werden. Wir gehören auch zu den Leuten, die dem Red Bull Shop am Neumarkt um die Weihnachtszeit einen Besuch abgestattet haben. Da im Anschluss an diesen Einkauf noch weitere Wege zu gehen waren, überlegten wir uns, ob man die auffällige RBL-Tüte nicht doch lieber in den Rucksack verschwinden lassen sollte. Eine Verkäuferin bekam diese Unterredung mit und fragte verwundert, ob RasenBallsport Leipzig Fans denn noch immer in manchen Stadtteilen vorsichtig sein müssten und jetzt fragen wir uns: Ist das so? Muss man vorsichtig sein oder kann man inzwischen auch in Probstheida mit RBL-Schal rumlaufen?

Um diese Frage beantworten zu können, müsste man wohl einen Feldversuch starten, aber unter Umständen erwischt man einen schlechten Tag oder einen betrunken Idioten, den es gar nicht um die Fansachen geht, sondern der einfach nur so Pöbeln möchte. Selbst wenn man offensiv als „scheiß RBL-Hure“ betitelt wird, sollte das keine valide Aussage darstellen. In der Presse liest man, wenn überhaupt, nur (noch) von Übergriffen, die außerhalb Leipzigs bei Auswärtsspielen von RB Leipzig stattfanden. Innerhalb der Heldenstadt ist es mit den Jahren ruhiger geworden, was nicht heißen soll, dass man immer und überall von Fußballfans anderer Mannschaften in Ruhe gelassen wird. Sicherlich hat jeder, der schon einmal mit Trikot von Poulsen durch die Stadt lief, mindestens verachtende Blicke registriert und vielleicht fiel sogar der eine oder andere Spruch, für den sich vernünftige Menschen wenigstens hinterher schämen würden. Nach dem Spiel RB Leipzig gegen Lokomotive Leipzig am 12. Oktober 2013 wurden einige Fans an der Haltestelle „Sportforum“ von alkoholisierten Anhängern von Lok Leipzig „angegriffen“, wobei die Angriffe vielmehr aus Schubsereien und aufgrund des Alkoholspiegels kläglich scheiternden Kopfstößen bestanden. Eine wirkliche Aussage über die potentielle Gefahr für RBL-Fans kann aus solchen Momenten nicht gezogen werden, aber woraus dann?
Jeder Vorfall könnte ein Einzelfall sein und welcher Angreifer schreit schon „Scheiß RBL-Hure ich schlag dich grün und blau und bin Fan von Verein xyz“? Solange kein Fanmerchandise einer betreffenden Mannschaft mitgeführt wird, ist die Zuordnung rein spekulativ und kann sich nur auf den Stadtteil beziehen. Unter Umständen könnte man sogar so weit gehen, dass ein Anhänger von Verein a sich als Anhänger von Verein b ausgibt und dann einen Anhänger von RB Leipzig angreift und dieser die falschen Schlüsse zieht. Wie oft ließt man in den Kommentarbereichen von Nachrichtenportalen „Typisch Fan von Verein xyz“? Die Stigmatisierung findet man überall und in den meisten Fällen ist sie völlig aus der Luft gegriffen. Fans von RB Leipzig sind weder Konsumenten, noch Huren oder geldgeil und auch Anhänger von Lokomotive Leipzig sind keine gewaltbereiten Hooligans und bei Chemie Leipzig rennen auch nicht nur linke Chaoten rum. In vielen Fällen ist aber klar, woher diese Vorurteile kommen: So traten in der Vergangenheit vereinzelt Fans von Lok als prügelnde Vollidioten auf und die Tradition, die viele als Rechtfertigung für einen echten (oder besseren) Fußballverein heranziehen, bediengt dies. Würde Lokomotive Leipzig selbst einen klaren Schnitt setzen und immer und überall die Gründung 2003 angeben, würden zumindest alle negativen Vorfälle vor 2003 nicht mehr zu „typisch Lok“ gehören. Da der Verein dies aber nicht möchte und sich lieber in vergangenen Glanzzeiten eines anderen Vereins suhlt, können auch gegnerische Fans vergangene Schandtaten zur Legitimierung verwenden.
Wie ist das jetzt aber bei RasenBallsport Leipzig? Hat man schon einmal einen Fan dabei gesehen, wie er sich für Geld verkauft? Das gern genommene Vorurteil, dass man das Stadion nur durch Freikarten voll bekommt, sollte jeder denkende Mensch inzwischen als Lüge enttarnt haben. Selbst wenn RB Leipzig (was überdies gegen die Richtlinien der deutschen Fußballliga verstoßen würde) ständig Freikarten herausgeben würde, heißt das nicht, dass diese Karten auch einen Abnehmer finden würden. Man könnte mir tausendmal Karten für die Oper schenken wollen, aber man würde mich trotzdem nicht in der Oper antreffen. Oder höchstens einmal, damit ich mir sicher sein kann, dass die Oper nichts für mich ist. Unter dieser Prämisse würde eine Freikartenaktion auch nur einmal funktionieren und dann würden alle Freikartenempfänger wissen, dass ein Stadionbesuch bei RB Leipzig ihnen nicht gefällt. Eine Freikarte würde nur Sinn machen, wenn man prinzipiell zu RB Leipzig gehen würde, aber kein Geld hat, aber daran soll es Fans von RBL nicht mangeln. Würden mehr Leute zu Lokomotive Leipzig gehen, wenn es Freikarten geben würde? Und wenn ja: Wieso haben diese Menschen keine sieben Euro (günstigste Karte ohne Ermäßigung) übrig? Bei RB Leipzig muss man immerhin drei Euro mehr investieren und sieht dafür aber auch Profifußball.
Legt man alle Vorurteile mit dem Siegel „unwahr“ zur Seite, stellt sich die Frage, wieso man einen Fan von RB Leipzig beleidigen oder gar angreifen könnte. Natürlich gibt es immer irgendwelche Menschen, die zum Beispiel deprimiert sind, weil ihr eigenes Leben nur suboptimal verläuft und dann ist es egal, ob der Mensch, den man als Ventil erkoren hat, RBL oder TSV Fan ist. Es gibt aber auch durchaus Menschen, die subjektiv gesehen „gute“ Gründe haben um RB zu hassen. Das RB den Fußball kaputt macht oder die besten Spieler mit Geld zu sich lockt, aber wie oft will man solche Menschen noch fragen, wie es sein kann, dass RB Leipzig Spieler wegkauft, obwohl sie nur Söldner in den eigenen Reihen haben? Wieso sind Fans nicht einfach froh, dass diese versteckten Söldner endlich ihren Verein verlassen haben? Wie kaputt ist der Fußball inzwischen wirklich? Was ist kaputt? Bekommt Bayern München automatisch an jedem Spieltag drei Punkte oder müssen sie doch vorher eine Mannschaft auf dem Rasen besiegen? Holt die deutsche Nationalmannschaft ohne eine eingespielte Topmannschaft jeden Titel? Steigt der Hamburger SV nur ausversehen seit zwei Jahren fast ab oder ist es nicht eher doch so, dass das Geld vom HSV irgendwie doch keine Tore schießt und es mehr bedarf um erfolgreich zu sein? All diese Fragen kann man hier nur kurz anschneiden, da es keine befriedigenden Antworten gibt. Jemand, der es realistisch sieht, weiß, dass RB Leipzig nichts neu erfunden hat und einfach nur clever agiert, aber schon früher wurde die Cleverness von Einzelnen von Einigen als böse abgestempelt. Vielleicht sollte man es wie in der Formel Eins machen und Innovationen durch strikte Verbote eindämmen. RB Leipzig nutzt eine Lücke? Verbieten wir einfach jegliche Geldgeber, damit das nie wieder passiert! Alle Fußballer sollten nur noch spielen, weil es Spaß macht und keinesfalls mehr als Mindestlohn verdienen. Wieso auch? Man kann doch von 8,50 Euro leben und immerhin ist Fußball doch nur ein Hobby, was irgendwie zum Beruf wurde.

Also, wie ist es jetzt? Wird man attackiert, wenn man mit RBL-Fanmerchandise unterwegs ist? Oder werden sogar auch Fans von Lok, Chemie oder Knautkleeberg verbal angegriffen? Zum Glück hört man wirklich nur sehr selten von Übergriffen, aber man darf nicht vergessen, dass jeder Vorfall einer zu viel ist. Wenn im Gästeblock Öl verteilt wird oder eine Fangruppierung „zum Himmel stinkt“, ist das unschön, aber immerhin kam niemand körperlich zu schaden. Am Ende wurde nur Geld ausgegeben und nichts erreicht. Kein Fan wird aufhören Fan zu sein, nur weil jemand sagt, dass das „doof“ ist. Auch ein Schlag ins Gesicht wird die Liebe im Herzen nicht brechen, aber man wird vorsichtiger. Vielleicht sollte man das nicht, weil sich dann die selbsternannten besseren Fans hinstellen können und bemerkend ermahnen, dass in der Stadt gar keine RBL Anhänger rumlaufen, aber wie kann man einen Mittelweg finden? Was passiert, wenn wir alle auf einmal Angst haben müssen? Nun ja: Dann sieht es so aus wie jetzt! Täglich sind wir am Hauptbahnhof und am Brühl unterwegs, durchqueren Paunsdorf, Leutzsch und Probstheida und es ist wahr: Keine RBL-Fans, aber auch niemanden mit Lok-Schal oder Chemie-Mütze. Hat denn überhaupt irgendein Leipziger Verein Fans oder verstecken die sich alle?

Wir können diese Frage leider oder zum Glück nicht beantworten. Unsere unangenehmen Aufeinandertreffen mit gegnerischen Fans hielten sich bisher in Grenzen und die, die wir leider verzeichnen mussten, gehören sicherlich in die Kategorie: „Lass den besoffenen Idioten lallen, wir haben dafür gewonnen!“, aber uns interessiert natürlich trotzdem, ob es dazu andere Meinungen oder sogar Berichte über Vorfälle gibt.
Würdet ihr sagen, dass man sich als Fan von RasenBallsport Leipzig gefahrlos mit Fanschal, Mütze und Co. zeigen kann oder sollte man zumindest in Leutzsch oder Probstheida lieber verschweigen, dass man die roten Bullen bevorzugt? Was geschieht wirklich, wenn man seine Tüte aus dem Fanshop offen spazieren trägt und wenn nichts passiert, hatte man dann am Ende einfach nur Glück?

Für Leipzig. Für RB. Für rot-weiße Fankultur.

5 Kommentare zu “Mit Fanartikeln durch die Stadt – Normalität oder potentiell gefährlich?

  1. Ich wurde erst einmal blöd angemacht wegen meiner RB Sachen und das war in Grünau. Da wohne ich aber auch und ich laufe eigentlich ständig mit meiner RB Jacke rum und da ist einmal auch keinmal. Passiert ist auch nicht mehr als ein dummer Sprücheaustausch.

  2. Ich werde niemals aus Angst meine Tüte aus dem Shop verstecken oder sonst wie meine Liebe zu RB verheimlichen. Klar lauf ich nicht täglich mit Schal rum aber jetzt im Winter wärmt vor allen der Farbe-Bekennen-Schal doch richtig gut. ^^
    Ich kann aber auch verstehen wenn vorallen Kinder oder Frauen nicht fröhlich umher laufen und ihr Fanzeug herzeigen. Es laufen so viele Verrückte da draußen rum und niemand muss sich irgendeiner Gefahr aussetzen. Schade das es so ist aber das hört hoffentlich auch irgendwann auf.

  3. Ich habe ein Wimpel am Autospiegel und nun einen Lackkratzer im Wert von 750 Euro. Ob es nun wegen dem Wimpel war oder weil es ein Opel ist, kann ich nicht sagen. Es ist egal in welchem Stadtteil man wohnt, es gibt genug Aufkleber von RB, LOK oder BSG in Gohlis. Es geht um Fussball, jeder soll seinen Verein unterstützen ohne Gewalt. Messen kann man sich beim Support im Stadion.
    Toll geschriebener Artikel!!!

  4. Gefährlich wohl eher nur, wenn man als Red Aces mit den entsprechenden Klamotten den „Männern“ von L.E. United begegnet.

    Die „Fanszene“ sollte sich lieber um die internen Unruheherde kümmern, anstatt sich über andere Vereine und deren Anhänger Gedanken zu machen.

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