Die Löwenbändiger in Niedersachsen

Blau-gelb ist in der Leipziger Fußballwelt berüchtigt, aber auch einige Fans von RB Leipzig haben eine blau-gelbe Vergangenheit. Die Antipathie, die die Blau-Gelben aus dem Leipziger Süden gegen RasenBallsport Leipzig hegen, vereint sie auch mit der Eintracht aus Braunschweig. Mit einem riesigen Transparent unterstrichen sie ihre Meinung gegen uns, aber auch das war nur eine Randbemerkung. Am Ende mussten sie zuschauen, wie ihr Team nach einer unterhaltsamen Partie die drei Punkte an die Gäste abgeben muss und RB Leipzig feiert mit diesem Sieg bereits den zweiten Auswärtssieg in dieser Saison.

Vieles konnte man in der letzten Saison bei RasenBallsport Leipzig bemängeln: Chancenverwertung, viele hohe Bälle, kaum/kein Flügelspiel und eine Auswärtsschwäche, die sich in gerade einmal drei gewonnenen Spielen in der Fremde manifestierte. Den letzten Punkt kann man zumindest derzeit abhaken: Im zweiten Auswärtsspiel in dieser Saison holten die Rot-Weißen ihren zweiten Sieg und feierten zudem eine gute zweite Halbzeit. Am Abbau der durchaus wechselhaften Halbzeitleistungen darf aber gerne weiter gearbeitet werden, aber wir wollen auch nicht direkt zu viel verlangen.

Ralf Rangnick veränderte sein Team auf zwei Positionen. Für die angeschlagenen beziehungsweise verletzten Profis Nukan und Hierländer durften Teigl und Sebastian ihr Saisondebüt geben und zumindest der Abwehrhüne zeigte eine sehr gute Partie. Braunschweigs Trainer Lieberknecht stellte seine Startelf auf drei Positionen um: Für den verletzten Decarli spielte Baffo, Berggreen für Hvilsom und für Khelifi stand Zuck von Beginn an auf dem Feld.
Die Gastgeber liefen in einem 3-5-2-System und die Gäste aus Leipzig in einer 4-2-3-1-Formation auf, die rein vom Papier her wenig auf Flügelspiel ausgelegt war.

Trotz dessen, dass RB Leipzig Anstoß hatte, gehörte die erste Chance den Blau-Gelben. Nachdem Sabitzer ein Fehlpass unterlief, konnte der Braunschweiger Zuck den Platz nicht nutzen. In den nächsten Minuten spielten die Leipziger stark auf und konnten sich bereits einige Möglichkeiten erspielen. Bis zur zehnten Minute hätte es gut und gerne schon 0:2 (Bruno in der dritten Minute und Selke in der sechsten) stehen können, aber auch die Braunschweiger kamen zu Chancen. In der neunten Minute unterlief Dominik Kaiser ein Fehlpass, den aber wiederum die Spieler der Eintracht nicht konsequent nutzen konnten. Hochscheidts Schuss kratzte den Außenpfosten und flog ins Toraus. Auffällig war, dass RB Leipzig zwar gut kombinierte und in der Offensive gefährlich war, aber bei eigenen Angriffen selbst die Außenverteidiger sich eher zur Mitte orientierten. Im Mittelfeld verschoben sich die Spieler stets zur Mitte und damit wurde dort der Raum eng.
Die gute Anfangsphase wurde von einer Phase der Neutralisation abgelöst, die geprägt von vielen (oft härteren) Zweikämpfen im Mittelfeld war. Die bekannten Schwächen gegen tief stehende Abwehrreihen offenbarten sich zum wiederholten Male und die nötige Kreativität, um den Gegenspieler von seiner Positionstreue abzulenken, fehlte. Bruno (16. Minute) kam durch ein feines Kombinationsspiel mit seinem ehemaligen Salzburger Mannschaftskollegen zu einer guten Möglichkeit, aber Baffo grätschte den Ball ab. Die Gastgeber nutzten ihrerseits die Konteranfälligkeit der Leipziger aus und kamen zu eigenen Chancen (Ofosu-Ayeh in Minute 14 und 17 und Hochscheidt in der 25. Minute), die sie aber liegen ließen. Das Spiel verflachte zunehmend und Torraumszenen wurden immer seltener. Typisch für Spiele gegen spielerisch nicht so gut aufgestellte Mannschaften verfiel RB Leipzig in kreativlosen Pressingfußball, viele (auch unnötige) Zweikämpfe. Qualitativ hochwertig waren in diesen Minuten nur die Abwehrspieler und allen voran Tim Sebastian empfahl sich für weitere Startelfeinsätze.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit kam RasenBallsport Leipzig wieder besser ins Spiel und kontrollierte wieder das Geschehen. Bereits nach einer Minute scheiterte Bruno am starken Gikiewicz und in der 47. Minute köpfte Davie Selke nach einer guten Flanke den Ball nur knapp am Pfosten vorbei. Entlastende Konter oder eigene strukturierte Angriffe wurden zur Seltenheit bei den Braunschweigern und man beschränkte sich vielmehr auf das Zerstören von Bemühungen der Gäste. In Folge dessen kam es zu vielen Standardsituationen, die aber nicht immer auch gefährlich waren. Vor allen Jungs Bälle kamen häufig ungenau, aber Dominik Kaiser machte es in der 64. Minute besser und spielte einen Freistoß lang und präzise auf Selke, der aus rund fünf Metern den Ball ins Tor nickte. In dieser Szene war der ehemalige Bremer aber auch seinen Aufpassern enteilt und hatte damit kaum Schwierigkeiten sein zweites Saisontor zu erzielen.
Kurz vor dieser Szene scheiterte aber zunächst Bruno wieder einmal an sich selbst, als er freistehend aus gut vierzehn Metern den Ball an den Pfosten setzte. Überrascht von der Situation und seinem eigenen fehlenden Abschlussglück konnte er über diese Möglichkeit nur grinsen.
Braunschweigs Trainer Lieberknecht musste reagieren und brachte mit Hvilsom einen weiteren Stürmer, aber die offensivere Ausrichtung kam nur RB Leipzig zugute. Nachdem RBL im Mittelfeld den Ball erobern konnte, steckte Bruno auf Forsberg durch, der in der 76. Minute zum 0:2 einschob. Auch für Forsberg war es bereits sein zweites Saisontor und damit hat der Schwede jetzt schon mehr Tore erzielt, als in der gesamten Rückrunde in der letzten Saison.
Mit dieser klaren Führung im Rücken schalteten die Rasenballer einen Gang zurück, aber kamen trotzdem noch zu Möglichkeiten. Davie Selke war es abermals der Gikiewicz per Kopfball zur Parade zwang (82. Minute). Auf der anderen Seite durfte sich aber auch Fabio Coltorti auszeichnen, der zwei Freistöße von Boland (84. und 91. Minute) sicher parierte. Insgesamt war der Sieg am Ende verdient. Braunschweig hatte zwar sogar mehr Torchancen, aber insgesamt hatte RB Leipzig mehr vom Spiel und eine gute bis sehr gute Leistung in der zweiten Halbzeit reichte heute zum zweiten Auswärtssieg. Lediglich die miserable Zweikampfstatistik könnte man in beiden Halbzeiten bemängeln.

Die Spieler in der Einzelkritik

  • Coltorti: War da, als er gebraucht wurde und sonst mit einer soliden Leistung.
  • Jung: Wechselhaft, wie die gesamte Mannschaftsleistung.
  • Sebastian: Der Publikumsliebling zeigte, dass er nicht wegen seiner feschen Frisur beliebt ist. Sehr gutes Stellungsspiel und als Ruhepol eigentlich unverzichtbar.
  • Orban: Gutes Spiel, aber ein paar individuelle Fehler.
  • Teigl: Viele Ballverluste und häufig zu langsam. Trotz einiger guter offensiver Aktionen wohl im nächsten Spiel wieder auf der Bank.
  • Ilsanker: Ackerte viel, aber auch mit einigen verschenkten Bällen. Insgesamt aber ohne längere Schwächephasen.
  • Kaiser: Sehr bemüht, aber aufgrund dessen, dass er häufig sehr hart attackiert wurde, mit wenigen sehr guten Szenen. Mit seinen Standards als Torvorlagen aber unverzichtbar.
  • Sabitzer: Fand anfangs nicht ins Spiel, aber später mit vielen gewonnen Zweikämpfen.
  • Bruno: Mit seinem guten Stellungsspiel häufig als Ballverteiler oder Vollstrecker, aber heute fehlte ihm das nötige Fünkchen Glück.
  • Forsberg: Zwei Tore in drei Ligaspielen sind für den jungen Schweden eine starke Quote und noch dazu agiert er sehr mannschaftsdienlich.
  • Selke: Man spürte seinen Torhunger bis aufs heimische Sofa und seine Körpersprache zeigt, dass er mit RB Leipzig einiges vor hat.
  • Klostermann: Seine Einwechslung brachte Stabilität, aber offensiv heute zu ungefährlich.
  • Khedira: Fast unsichtbar, aber mit einigen wichtigen Bällen.
  • Poulsen: Die sehr späte Einwechslung dürfte ein Schlag für das ambitionierte Sturmtalent sein. Wenn er wieder mehr Spielzeit will, muss er hart an sich arbeiten.
  • Wenn man nur die zweite Halbzeit betrachtet, erlebten die gut 1’000 Auswärtsfans heute eine sehr gute und unterhaltsame Partie, aber leider gab es auch die erste Halbzeit, in der RB Leipzig zunächst spielbestimmend und später wieder unsicher und unkonzentriert wirkte. Man könnte es auf die Geschehnisse in Osnabrück schieben, aber die schienen die roten Bullen heute weitesgehend abgeschüttelt zu haben. In der Vergangenheit war es vielmehr häufig so, dass die Rasenballer nicht konstant Druck machen und kreativ und zielstrebig agieren können. Bei diesem Kader muss aber eigentlich ständig Hochleistungsfußball gespielt werden. Lange und unpräzise Bälle und vermeidbare Ballverluste sollten nicht mehr vorkommen, aber so schnell vergisst man alte Laster wohl nur mit Vodka-E. Das Flügelspiel, was eigentlich obligatorisch bei einer beflügelten Mannschaft wie RB Leipzig sein sollte, wurde auch heute fast gänzlich vernachlässigt, aber das durfte es heute auch. Wenn am Ende immer ein Sieg mit zwei Toren Unterschied zu Buche steht, dürfen die Leipziger Kicker sicherlich häufiger einfach mal die Schwächen des Gegners ausnutzen. So viele Freistöße aufgrund von Fouls wird es aber wohl nicht gegen alle Zweitligisten geben und spätestens, wenn eine Mannschaft partout nicht herausrücken will oder selbst mit kreativen Offensivspiel aufwartet, muss man sich etwas einfallen lassen. Die individuellen Stärken, die man heute schon bei einigen Spielern erkennen konnte, könnten essentieller Bestandteil des mannschaftlichen Erfolgs werden.

    Für heute lässt sich festhalten, dass das zweite Auswärtsspiel durch die zweiten Saisontore von Selke und Forsberg zum zweiten Dreier der Saison führte und uns zwischenzeitlich auf Platz zwei brachte. Was will man mehr? Noch schöneren Fußball und das dauerhaft? Je eingespielter die Mannschaft wird, umso eher können die einzelnen Akteure auch mit Kreativität glänzen und ihre Fans in Jubelstürme versetzen. Bis dahin reicht eine gute Halbzeit und ein glückloser Gegner für den Auswärtssieg.

    Für Leipzig. Für RB. Für rot-weiße Fankultur.

    3 Kommentare zu “Die Löwenbändiger in Niedersachsen

    1. Wenn wir immer so spielen wie in der zweiten Halbzeit, dann ist jeder Gegner in der zweiten Buli schlagbar. Richtig klasse Spiel und super Stimmung im Gästeblock.

    2. Endlich ein verdienter Auswärtssieg. Gegen Frankfurt wars noch eher Glück, aber nach der zweiten Halbzeit (und Phasen in der ersten) kann man stolz sein. Wenn man die Leistung wieder zeigen kann, dann kann uns auch Sandhausen nicht stoppen. 😉

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