Ohne Boyd ist Pauli doof

Zum dritten Mal in Folge verlor RB Leipzig gegen den FC St. Pauli mit 1:0 und damit konnten die roten Bullen nur eins der vier Spiele gegen die Kiezkicker für sich entscheiden.

Von einem Angstgegner kann man deswegen zwar noch nicht sprechen, aber vielleicht hätte ein Stürmer wie Boyd im Spiel gegen St. Pauli doch ein Tor erzielt, was seinen Mannschaftskollegen nicht gelingen wollte. Gegen den FC St. Pauli schoss Terrence Boyd immerhin zwei Treffer, aber auf die Rückkehr des bulligen Stürmers müssen wir wohl alle noch etwas warten.
Warten müssen wir, wenn wir es denn wollen, durch die Auswärtsniederlage am Millerntor, noch etwas länger auf den Aufstieg. Die Bild errechnete vor dem Braunschweig-Spiel, dass noch acht Siege benötigt werden. Vor dem Auswärtsspiel in Hamburg waren es demnach noch sieben Siege und man hätte diesen letzten gegen Nürnberg haben können und jetzt wäre der rechnerische Aufstieg nach dem Duisburg-Spiel „feierbar“. Natürlich sind diese Zahlen und Termine rein statistisch und auch gestern bewies RasenBallsport Leipzig wiedereinmal, dass Statistiken im Fußball häufig nichtssagend sind: 29 Torschüsse, 60% Ballbesitz oder auch 119,15 gelaufene Kilometer sprechen eigentlich für RB Leipzig, aber wenn der Gegner seinen ersten richtigen Torschuss direkt im Tor versenken kann, ist sicherlich das Anlaufen gegen den Rückstand und das auch noch in einem Stadion wie dem Millerntor, schwierig. Wenn Offensivkräfte, wie Poulsen, Kaiser oder Sabitzer, aber 29 Torschüsse nicht im gegnerischen Kasten unterbringen können, fehlt es an essentiellen Tugenden.
Im Vergleich zum siegreichen Auftritt gegen Braunschweig stand gegen Pauli Gulácsi von Beginn an zwischen den Pfosten. Weitere Änderungen gab es nicht und auch beim FC St. Pauli liefen die gleichen Elf auf, die schon in Fürth drei Punkte erspielten. Damit spielte auch Thy von Beginn an und dieser schoss in den letzten beiden Spielen beider Mannschaften jeweils das Siegtor. In dieser Saison erzielte er bereits sechs Treffer und auch gegen Leipzig war er einer der besten Spieler auf dem Platz.

Die Hausherren starteten stark und erspielten sich viele Möglichkeiten durch ihr schnelles Umschalten und bereits in der 8. Minute führte ein solcher Konter zum Torerfolg: Lennart Thy spielt gut auf Marc Rzatkowski, der sich im Sechszehner gegen Kaiser und Orban durchsetzt und an Compper vorbei Gulácsi keine Chance lässt. Sowohl Compper, der hätte nur sein Bein rausstellen müssen, als auch Kaiser und Orban sahen in dieser Szene nicht gut aus. Nach kurzer Schockstarre kam Leipzig durch Sabitzer und Kaiser (Minute 11) zu ersten Möglichkeiten, aber beide Spieler konnten ihren Fernschuss nicht zielgerichtet abfeuern.
In der 17. Minute hätte es für RB Leipzig einen Elfmeter geben können: Buballa ging gegen Kaiser unsanft und wohl auch regelwidrig im Strafraum vor, aber Schiedsrichter Welz pfiff nicht. Die Proteste der Gäste waren aber auch verhalten, aber in den nächsten Minuten machte Leipzig Druck und kam zu guten Chancen. So musste sich Paulis Schlussmann Himmelmann in der 20. Minute bei einem Freistoß von Demme lang machen um den Ball in allerletzter Sekunde mit dem Fuß um den Pfosten zu lenken. Vorher prüfte Ilsanker per Kopf den Keeper der Kiezkicker und auch Forsberg und Poulsen kombinierten sich gut durch die Hintermannschaft, scheiterten aber regelmäßig am letzten Verteidiger oder der letzte Pass kam nicht. Forsberg setzte zudem einen Ball ans Außennetz und wirkte auch bei seinem Versuch in der 38. Minute glücklos. Himmelmann im Tor der Stadtteil-Hamburger erwischte, wie schon am 4. Spieltag in dieser Saison, einen sehr starken Tag und rettete mit vielen Paraden die knappe Führung in die Pause.
Aus dieser kamen beide Mannschaft ohne eine personelle Veränderung und das Spiel blieb auch gleich: Leipzig lief gegen die Betonwand der Hausherren an, scheiterte aber am letzten Pass, den Pfosten (45. Minute – Forsberg) oder an Himmelmann und die Gastgeber blieben über eigene Konter gefährlich.
Die erste nennenswerte Chance hatte aber der FC St. Pauli (47. Minute), als Ziereis mit einem satten Schuss Gulácsi prüfte. Dreizehn Minuten später musste Gulácsi noch einmal seine ganze Klasse zeigen, als Nehrig ihn per Kopf zum schnellen Abtauchen zwang. Direkt im Anschluss kamen mit Bruno und Selke zwei neue offensive Akteure auf’s Feld und für diese mussten Kaiser und Demme raus. In Minute 63 marschierte Forsberg durch die halbe Hintermannschaft der Gastgeber, scheiterte aber wieder einmal an Himmelmann. Pauli kam in dieser Phase der Partie nur noch zu Entlastungsangriffen, aber wirkliche Torgefahr war nicht zu spüren, aber auch die Leipziger vertändelten zu viele Bälle im Spielaufbau und machten sich damit das Leben selbst zu schwer. Gulácsi musste aber trotzdem ständig hellwach sein und so hielt er zum Beispiel in der 70. Minute einen Kopfball von Ziereis, der nach einem Freistoß von Alushi verwertete. Leipzig rannte zwar weiter an, aber ohne den entscheidenden Einfall kam man nur zu Chancen per Weitschuss oder weil sich doch ein Hamburger verschätzte. In den letzten Minuten der Partie war es dann auch gar nicht mehr so sehr Himmelmann, der das 1:0 festhielt, sondern das fehlende Zielwasser. In der 86. beziehungsweise 88. Minute sorgten zudem die Gastgeber wieder für „Ohh“-Momente: Buchtmann verzog aus 17 Metern und Picault scheiterte am Pfosten.
Das war’s also. Nach sechs gewonnenen Spielen in Folge und nach zehn Auswärtsspielen ohne Niederlage musste sich RasenBallsport Leipzig (schon wieder) St. Pauli geschlagen geben. Das größte Problem, was man wieder einmal ausmachen konnte, war die fehlende Durchschlagskraft gegen eine tiefstehende Mannschaft. Da Pauli aber selbst auch offensiv nicht schlecht besetzt ist, konnte sich Leipzig eigentlich nicht darauf verlassen, dass man selbst schon irgendwann ein Tor machen wird. Mit feinen Technikern, guten Sprintern und stabilen Kämpfern muss man doch aber wenigstens noch das Ausgleichstor erzielen, wenn man wirklich seinen mitgereisten Fans etwas zurückzahlen will. Am Ende könnten es genau diese drei Punkte oder auch nur dieser eine fehlende Punkt sein, der uns um die Meisterschaft in der zweiten Liga oder gar um den Aufstiegsplatz bringt.

Die Spieler in der Einzelkritik:
Gulácsi, Klostermann, Orban (81. Minute – Quaschner), Compper, Jung, Ilsanker, Demme (60. Minute – Bruno), Kaiser (60. Minute – Selke), Sabitzer, Forsberg, Poulsen

  • Gulácsi: Er wurde wenig geprüft, aber wenn, dann zeigte er gute Paraden und insgesamt vertrat er Coltorti durchaus gut. Beim Gegentor sah er zwar unglücklich aus, aber war am Ende doch machtlos.
  • Klostermann: Viele Unsicherheiten im Spielaufbau und auch in der Defensive mit schwächeren Phasen.
  • Orban: Beim Gegentor zu zögerlich, aber sonst mit guten Zweikampfwerten und mit 89% angekommener Pässe auch mit der besten Passquote.
  • Compper: Zu langsam in vielen Szenen und mit schlechtem Stellungsspiel. Im Aufbauspiel dafür aber mit guter Übersicht.
  • Jung: Sehr agil auf seiner Seite und mit guten Vorstößen. Schlug aber zu selten Flanken, obwohl diese ganz gut kamen. Bei den Standards nicht effektiv genug.
  • Ilsanker: Er spielte wesentlich defensiver als noch gegen Braunschweig und verteilte die Bälle lieber an der Mittellinie, als selbst aktiv nach vorne zu spielen.
  • Demme: Ihm fehlte über weite Strecken die Bindung zum Spiel, obwohl er auch zeigte, dass seine robuste Art gegen St. Pauli eine Waffe sein kann.
  • Kaiser: Kaiser wirkte unsicher und spielte viel zu häufig ab, anstatt es selbst per Dribbling zu versuchen.
  • Sabitzer: Technisch wie fast immer gut, aber nicht mit der nötigen Körpersprache. Zudem konnte auch er seine Torchancen nicht nutzen. Zudem kam fast jeder zweite Pass (19 von 30) nicht beim Mitspieler an und das kann nicht der Anspruch von und an Sabitzer sein.
  • Forsberg: Viele Chancen verspielte er, da er den Ball nicht richtig traf oder er ihm versprang. Einige Abschlüsse sorgten aber für Torgefahr, aber an Himmelmann kam auch er nicht vorbei.
  • Poulsen: Sehr unauffällig und das, obwohl er drei Torschüsse hatte und für seine Verhältnisse viele (11) Zweikämpfe gewann.
  • Bruno: Lief viel, aber verlor dann auch schnell den Ball. Bei seinem Schuss in der 78. Minute hatte er den Ausgleich auf dem Fuß.
  • Selke: Gewann einige Kopfbälle und bediente seine Mitspieler, aber kam selbst nicht zu Torchancen.
  • Quaschner: Sollte noch einmal für Spritzigkeit sorgen, aber das gelang ihm nicht. Immerhin zog er die Gegenspieler an sich und schaffte damit Räume für die Mitspieler.


  • RasenBallsport Leipzig war über weite Strecken sehr agil und stets mit mehreren Spielern in Ballnähe, aber die Defensive von Pauli hielt dem Sturmläufen stand. Das Spiel gegen den Ball und das schnelle, aber unkonzentrierte Aufbauspiel von RB Leipzig erinnerte an die schlimmsten Zeiten unter Zorniger. Wie kann eine Mannschaft, die solche filigranen Techniker und torgefährliche Stürmer hat, nur so ungefährlich auftreten?

    Wir sind noch nicht fertig. Ok.-

    Diese Niederlage darf gerne als Rückschlag gesehen werden, aber im Kampf um den Aufstieg steht RBL nach wie vor sehr gut da. Mit 44 Punkten aus 21 Spielen und damit 2,01 Punkten im Schnitt pro Spieltag hat RasenBallsport Leipzig noch alle Trümpfe in der Hand. Gegen Union Berlin können die Spieler von Rangnick wieder zeigen, dass sie nicht nur stumpf anlaufen, sondern auch aus Torchancen Tore generieren können. Es müssen am Ende auch keine 29 Schüsse sein, die zu einem Tor führen. In den letzten Spielen bewies Leipzig, dass die Chancenverwertung zwar nicht die größte Stärke, aber zumindest auch nicht die größte Schwäche ist.
    Die 29 „Torchancen“ sollte man aber auch nicht überbewerten, da viele Möglichkeiten eher Verzweiflungstaten waren. Wenn der Schütze umzingelt von drei Mann den Ball nicht unter Kontrolle bekommt und dann fünf Meter am Tor vorbei den Ball unterbringt, kann man nicht von einer Chance sprechen. Genau hier sollte auch angesetzt werden und nicht daran, dass man kein Tor aus fast dreißig Torschüssen erzielen kann. Wo war der besser positionierte Mann? Sah man ihn nicht oder war er wirklich nicht da? Wo war das starke Pressing und der überlegte Aufbau? Die defensive Zuordnung stimmte auch nicht immer und insgesamt wirkte das Team von der Kulisse zu begeistert und vergaß, dass Zweieinhalbtausende Fans ihren ganzen Freitag für den rot-weißen Traum geopfert haben.

    Anmerkung:
    Die Zustände im Gästeblock waren katastrophal und man kann von Glück sprechen, dass niemand zusammenbrach. Die eingefärbten Treppenabschnitte waren vollgestellt mit Fans und je nachdem, wo man stehen musste, konnte man nicht einmal mitsingen, weil zwischen Rücken des Vordermanns und eigenem Gesicht kein Blatt Papier mehr passte. Sicherheitstechnisch waren diese Zustände nicht vertretbar und auch für den Support wären 20cm² pro Fan optimaler gewesen. Zudem boykottierten die Ordner ihren Dienst und so kam es beispielsweise zu Handgreiflichkeiten als sich ein Pauli-Anhänger im Gästeblock durch die Massen beleidigt und gedrängelt hat. Der in Sichtweite befindliche Ordner lächelte nur fröhlich vor sich hin und sollte vielleicht über einen Jobwechsel nachdenken. Andere Fans berichteten zudem von überforderten Ordnern, die es einfach nicht geregelt bekamen, dass die Fluchtwege freigehalten werden. In den TV-Aufnahmen sah man aber auch, dass der Block heillos überfüllt war. Einige Fans mit Sitzplatzkarten befanden sich überdies auch noch im Stehbereich und damit war die Überfüllung nachvollziehbar.
    Überdies waren aber auch allgemein zu wenige Ordner sowohl im Block, als auch bei der Eingangskontrolle. Schon beim Betreten des Stadions wurde geschoben, gequetscht und gemeckert, aber wenn für hunderte Fans nur zwei Eingangsschleusen und nicht einmal eine Handvoll Kontrolleure vorhanden sind muss man sich über Chaos und miese Laune schon vor dem Anpfiff nicht wundern.

    Anmerkung²:
    Unabhängig von den Platzbedingungen im Block machten leider aber auch viele Auswärtsfahrer, die etwas mehr Platz zum Singen und Schalschwenken hatten, nicht mit. Wieso fährt man dann RB Leipzig auswärts hinterher, wenn man nur rumsteht und meckert, wenn die eigenen Spieler den Ball verlieren? Das kann man auch wunderbar zu Hause am Fernseher machen und nimmt dort dann auch niemanden den Platz im Stadion weg.
    Andererseits war aber auch wieder die Verteilung der Fanclubs und der Capos schlecht. Vom Spielfeld aus gesehen waren fast alle Fanclubs auf der linken Seite und auch der „Hauptcapo“ stand vor diesem Abschnitt. Wieso stellt man sich nicht zentral vor dem Gästeblock auf? Wieso musste der zweite anwesende Capo Markus auf das Anstimmen von Gesängen durch Sebastian warten? Dadurch war es nicht verwunderlich, dass kein guter und lauter Support zustande gekommen ist, wenn man zunächst erst einmal zehn Sekunden braucht, um überhaupt zu hören, was die anderen Fans singen. Markus konnte einen am Ende schon leid tun. Er sang und brüllte sich die Seele aus dem Leib, aber stand auch vor Auswärtsfahrern, die wohl nur zum Rumstehen im Gästeblock mitgefahren sind.
    Als letzter Tropfen machten irgendwann auch supportwillige nicht mehr mit, weil ständig nur die gleichen Gesänge angestimmt wurden. Wo bleiben „Klassiker“ wie „Red Bull mit Cola“ und warum gab es gegen St. Pauli fast ausschließlich „Rasenballsport olé“?

    Anmerkung³:
    Ein weiterer Punkt, der den Support negativ beeinflusst hat, war die Tatsache, dass mehr Leute als sonst direkt am beziehungsweise auf dem Zaun standen, aber nur wenige von diesen überhaupt mitgemacht haben. Das Privileg, dass man diesen komfortablen Platz, an dem man genug Raum zum „abgehen“ hat und nicht von Massen umzingelt ist, muss auch gebührend gewürdigt werden. Zudem wirkt es unglaublich arrogant, wenn man als Zaunsteher einfach nur in der Weltgeschichte rumschaut, während einige Meter weiter Fans unbedingt mitmachen wollen, aber nicht können, weil man zerquetscht wird.

    Für Leipzig. Für RB. Für rot-weiße Fankultur.

    4 Kommentare zu “Ohne Boyd ist Pauli doof

    1. Ich bin mit dem Fanbus gekommen, war etwa 3/4 Stunde vor dem Spiel am Einlass.
      Der ging zügig und ohne Gedränge. Die Überfüllung des Stehblocks war wirklich katastrophal. Habe dazu schon was im Fanforum geschrieben was die möglichen Ursachen betrifft, Diese decken sich teilweise mit Deinen.:
      http://www.rb-fans.de/forum/viewtopic.php?p=370516#p370516
      Diese Diskussion um Support unwillige nun auch bei den Auswärtsspielen zu führen ist dagegen überflüssig. Wenn dann bloß 400 mitfahren die 90 Minuten grölen ist es auch wieder nicht Recht und es wird gejammert das so wenige auswärts fahren.

    2. Warum muss Markus denn warten er kann doch selbst anstimmen. Er ist doch Capo. Sebastian hat das gut gemacht vorallem ohne Megafon.

      1. Er muss sicherlich nicht warten, aber er tat es. Vielleicht, weil Sebastian vor den Fanclubs stand und diese eher mitmachten, als die Fans, vor denen Markus stand. Es hätte wohl nichts gebracht, wenn Markus für die wenigen Fans, die in seinem „Bereich“ mitgemacht haben, etwas anstimmt, was die Fans auf Sebastians Seite dann aufgrund der geringen mitsingenden Menge überhaupt nicht verstanden hätten und dann nicht hätten mitmachen können.
        Sowohl Markus, als auch Sebastian haben einen super Job gemacht, aber Markus hatte einfach das Pech, dass die Fangruppierungen wieder einmal sehr geballt auf einem Fleck standen und er die Anhänger vor sich hatte, die eher unwillig waren und nicht wirklich mitmachen wollten.

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