Goaltorti, ColTorti, Cooltorti – Viele Namen für einen neuen Helden

Wir kamen alle ins Stadion und wussten, dass es nicht nur irgendein Ligaspiel sein wird. Natürlich ist es bei RB Leipzig nie nur irgendein Fußballspiel. Die Partie gegen den SV Darmstadt war brisant und es ging für beide Teams um viel, aber was um 20:20Uhr in der Red Bull Arena geschah, davon wird man noch lange sprechen. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen und ein Torhüter wird von seinen Mannschaftskollegen als Torschütze zum Siegtor gefeiert.

Man möchte den Spielbericht gar nicht konventionell mit Vorgeplänkel und der Aufstellung beginnen, sondern nur das Gefühl aus der 93.Minute beschreiben, aber zum denkwürdigen Torerfolgt konnte es nur kommen, weil alles so geschah, wie es nun einmal passierte.

Achim Beierlorzer musste zwei Änderungen im Vergleich zum Spiel gegen Kaiserslautern vornehmen: Für den aufgrund seiner gelb-roten Karte gesperrten Emil Forsberg rückte Diego Demme in die Startelf und für den verletzten Rodnei durfte Marvin Compper spielen.

Die Fans auf den Rängen machten schon vor dem Anpfiff eine gute Figur und feuerten ab Minute eins ihre Mannschaft frenetisch an. Auch wenn die Möglichkeit auf den Aufstieg nur noch theoretisch gegeben war, hatte man mit dem SVD noch eine Rechnung offen: Im Hinspiel verlor man in Darmstadt mit 1:0 und darüber hinaus äußerten sich viele Anhänger aus Hessen sehr negativ über RasenBallsport und deren Fans. Die Darmstädter reisten selbst nur mit spärlicher Unterstützung an und das lag sicherlich nicht am Wochentag, an dem das Spiel stattfand.
Zu Beginn der Partie tasteten sich beide Mannschaften überlegt ab und das Geschehen spielte sich hauptsächlich im Mittelfeld ab, aber schon in der siebten Minute hatte RB Leipzig die erste gute Chance. Nachdem Poulsen einen hohen Pass geschickt abtropfen ließ, umkurvte Yordy Reyna zwei Gegenspieler, scheiterte aber am Darmstädter Torhüter Mathenia. Die nächsten Minuten lief auf beiden Seiten nicht viel zusammen und meistens scheiterte man an der gegnerischen Abwehrreihe. Die Rasenballer hatten zwar mehr Ballbesitz, aber dafür gewannen die Lilien die entscheidenden Zweikämpfe und auch die erste Chance der Darmstädter beruhte auf einem gewonnenen Zweikampf. In der 31. Minute flankte Heller, der beste Vorbereiter der Gäste, auf Kempe, aber dessen Kopfball blieb harmlos. Fünf Minuten später war es wieder Kempe, der nach einem langen Einwurf den Ball nur noch mit der Fußspitze erreichte. In der Zwischenzeit sah Dominik Kaiser (Minute 24) seine fünfte gelbe Karte und ist deswegen für das Auswärtsspiel gegen St. Pauli gesperrt. Der Zweikampf zur Karte war unglücklich für den Leipziger Kapitän, aber die Entscheidung des Schiedsrichters war in dieser Situation ausnahmsweise korrekt. Compper (33. Minute) und und Poulsen (32. Minute) hatten zwar noch gute Chancen, aber gegen den Beton, den die Gäste anrührten, kamen die Hausherren nicht entscheidend zum Zug. Vor der Pause holte sich Marvin Compper noch eine gelbe Karte ab, als er eine Hereingabe mit der Hand spielte, wobei dieses Handspiel so eindeutig war, dass der Verdacht nahe liegt, dass Compper lieber Basketballer wäre. Eine Minute später (44. Minute) kam Darmstadt noch einmal gefährlich vor das Leipziger Tor, aber Kimmich rettete erst gegen Kempe und dann sogar noch gegen Dominik Stroh-Engel auf der Linie. Der Toptorschütze der Darmstädter, Stroh-Engel, blieb in der ersten Halbzeit sehr blass und fiel dem Leipziger Publikum nur einmal auf, als er sich erst vor Schmerzen auf den Boden wälzte und damit ein guter Konter von RasenBallsport Leipzig unterbrochen wurde und dann problemlos vom Platz laufen konnte.

Die Halbzeitpause wurde für keine Wechsel genutzt und die ersten Minuten nach Wiederanpfiff plätscherten trist vor sich hin. Erst nach einer guten Viertelstunde erhöhten die Gastgeber den Druck, aber die Darmstädter Abwehr stand sehr kompakt und ließ wenig zu. In der 72. Minute hatte der zuvor für Demme eingewechselte Damari eine gute Möglichkeit, aber das Foulspiel vom Lilien-Torhüter Mathenia legte Schiedsrichter Kampka als Schwalbe des Leipziger Angreifers aus und der berechtigte Elfmeter wurde verwehrt. Die Stimmung auf den Rängen kochte über und fand in der Einwechslung von Daniel Frahn ihren zwischenzeitlichen Höhepunkt. Als der Stürmer sich von den restlichen Einwechselspielern Richtung Trainerbank bewegte, wurde er schon mit Standing ovations bedacht und allen im Stadion war klar: „Jetzt geht’s los!“ Frahn kam für Teigl in der 76. Minute ins Spiel, brachte aber zunächst kein Glück: In der 77. Minute spielten die Darmstädter einen ihrer vielen Konter mustergültig aus und Behrens musste eine Kempe Flanke nur noch über die Linie drücken.
Nur eine Minute später konnte Klostermann via Billardtor ausgleichen und ebnete mit seinem ersten Tor im Trikot von RB Leipzig den Weg zu einer spannenden Schlussphase. Die Lilien, deren Trainer vor dem Spiel ein Unentschieden als erfolgreichen Spielausgang bezeichnete, waren nur über lange Bälle gefährlich, die aber nur selten einen Abnehmer fanden. In der 85. Minute erreichte solch ein Pass aber mal seinen Adressaten und bei Sirigus Kopfball konnte Coltorti wieder einmal seine Klasse zeigen. Achim Beierlorzer sah, dass mehr als dieses Unentschieden drin war und wechselte Kalmar für Sebastian ein. Das Zeichen war klar: Nur ein Sieg kann RBL im Aufstiegsrennen halten und wer will nicht gerne aufsteigen? In der letzten Minute der regulären Spielzeit hatte Joshua Kimmich noch einmal eine gute Gelegenheit, aber sein Schuss aus der zweiten Reihe ging knapp am Tor vorbei. Der vierte Offizielle hielt die Anzeigetafel hoch: Drei Minuten noch. Drei Minuten, in denen sowohl Leipzig, als auch Darmstadt drei wichtige Punkte holen könnten. Die ersten guten Chancen hatte Darmstadt, aber sowohl Heller (91. Minute), als auch Sirigu (92. Minute) scheiterten.

Nein Fabio nein! Das Unentschieden reicht doch.

Die dritte Minute der Nachspielzeit lief bereits, als Darmstadts Schlussmann noch einmal zur Ecke abwehren musste. Kaiser legt sich den Ball zurecht, musste aber warten, da Darmstadt den letzten Wechsel vollziehen wollte. Coltorti, der zwar schon an der Mittellinie stand, aber scheinbar eigentlich auch dort stehen bleiben wollte, nutzte die Zeit und ging mit nach vorne. Coltorti, der Hüne, die Krake ging mit nach vorne und bot damit für Darmstadt die Möglichkeit für ein Kontertor. Das Unentschieden, was für den möglichen Aufstieg und nach diesem Spiel zu wenig, aber gegen den Tabellendritten nicht unbedingt schlecht wäre, wurde riskiert wegen des vierten Heimsiegs in Folge. Der Ball kam. Er kam lang, aber nicht auf Coltortis Kopf, sondern wurde von Damari direkt vor seine Füße verlängert. Eine Drehung, ein Blick, ein Tor in das Herz aller Leipziger Fans. Das Stadion bebt und Coltorti wurde zum neuen Leipziger Helden. Mit kämpferischer und moralischer Höchstleistung entrissen die Rasenballer gemeinsam als Team Darmstadt den sicher geglaubten Auswärtspunkt. Schiedsrichter Kampka pfiff die Partie nach diesem herausragenden Tor nicht mehr an und sowohl auf dem Rasen, als auch auf den Rängen lagen sich die Menschen in den Armen. Dominik Stroh-Engel, der zuvor mehrmals den Leipziger Anhängern negativ auffiel, wurde zur tragischen Figur, als er Coltorti vor der Ecke noch bewachte, aber ihn dann aus den Augen ließ. Er hob das Abseits auf und als Fans von RB Leipzig kann man nur sagen: Tja selbst schuld und mehr als verdient. Gegen Leipzig kann man mal verlier’n!

Die Spieler in der Einzelkritik

  • Coltorti: Der stürmende Torhüter dürfte sich nach der Partie gegen Darmstadt wohl endgültig in die Annalen des Leipziger Fußballs gespielt haben und zeigte ein fehlerfreies Spiel.
  • Klostermann: Nicht nur durch sein Tor zum zwischenzeitlichen Ausgleich war er wieder einmal einer der wichtigsten Spieler auf dem Platz. Seine Defensivarbeit war geprägt vom guten Stellungsspiel und fairer Zweikampfführung.
  • Sebastian: Sowohl in der Abwehr, als auch im Spielaufbau konnte er dem Spiel seinen Stempel aufdrücken.
  • Compper: Er hatte anfängliche Schwierigkeiten und wirkte neben Tim Sebastian blass.
  • Jung: Rieb sich an der eng stehenden Abwehr der Gäste auf, aber wenn er über seine linke Seite kam, wurde es fast immer gefährlich.
  • Kaiser: Seine Eckenvarianten überraschten die Darmstädter und er wirkte wesentlich robuster, als noch in den letzten Partien.
  • Demme: Unauffällig, aber mit gutem Zweikampfverhalten.
  • Kimmich: Rettete mehrmals auf der Linie und präsentierte sich als Leader, als er nach dem Ausgleich die Fans zum weiteren Pushen animierte.
  • Teigl: Konnte seine Schnelligkeit nur bedingt ausleben und wurde von den Gegenspielern gut abgeschirmt.
  • Poulsen: Konnte nicht an die Leistung gegen Kaiserslautern anknüpfen, arbeitete aber in der Defensive gut mit. Zur Mitte der zweiten Halbzeit völlig untergetaucht.
  • Reyna: Hatte gegen die hoch verteidigenden Darmstädter einige Probleme, aber setzte seine Teamkollegen mit guten Pässen in Szene.
  • Damari: Er legte das Siegtor auf und war in der Offensive stets anspielbar und gefährlich. Der nicht gegebene Elfmeter war unglücklich.
  • Frahn: Seine Einwechslung elektrisierte die Massen und brachte noch einmal Schwung. Seine offensiven Akzente reichten zwar nicht für ein Tor, aber er war sehr präsent.
  • Kalmar: Trotz der wenigen Minuten auf dem Platz konnte er sich zeigen und verteilte die Bälle gut im Mittelfeld.
  • Und wo warst du am 24. April 2015?

    Der verdiente Heimsieg bringt RasenBallsport Leipzig auf drei Zähler an Darmstadt heran und das Aufstiegsrennen ist wieder spannend. Das nächste Spiel könnte der vorentscheidende Schritt sein, wobei die nächsten Partien allesamt entscheidend sind. Die Darmstädter präsentierten sich für Leipziger Verhältnisse sehr schwach: Die Konter waren fast durchgängig ungefährlich und ihre Pässe kamen ungenau. RB Leipzig spielte auch nicht auf Topniveau, aber spielerische Defizite wurden durch Teamgeist und Moral kompensiert. Wenn man bedenkt, dass vorherige Torchancen nicht genutzt wurden und Damari ein Elfmeter verweigert wurde, dann kann man nur zu dem Schluss kommen, dass das Spiel, so wie es verlief, perfekt war. Jeder, der RBL im Herzen trägt, wird sich sicherlich noch sehr lange an den 24. April 2015 erinnern und dieses Spiel reiht sich neben den Pokalfights gegen Aue und Wolfsburg (2011) und dem Relegationsspiel in Lotte in die noch kurze Geschichte von RasenBallsport Leipzig ein.

    Der Blick in die Fankurve
    Wir feierten die Mannschaft, aber auch die Mannschaft konnte uns feiern: Ohne die Unterstützung von den Rängen wäre der Kraftakt in den letzten Minuten nicht möglich gewesen und jeder von uns hat seinen Teil dazu beigetragen. Die Partie war für die Capos nicht einfach. Die Stimmung kippt aufgrund der Schiedsrichterleistungen häufig. Wenn aber dann mal das richtige Liedgut gefunden wurde, war es unglaublich laut. Es gab aber auch die andere Seite und Fans, die stören wollten. Der tobende Beifall, als „Daniel Frahn“ eingewechselt wurde, bedachten einige mit negativen Äußerungen über die singenden Fans. Einige nahmen sogar ein unschönes Wort mit „N“ in den Mund, aber zum Glück waren diese Störenfriede in der deutlichen Minderheit und Menschen, die sich damit brüsten, dass sie bezahlten Koitus mit der Mutter vom Darmstädter Torhüter hatten, sollte man ohnehin nicht allzu ernst nehmen.
    Insgesamt bot Darmstadt und das Schiedsrichtergespann viel Potential für Schmähgesänge, aber meistens wurde einfach die Mannschaft bedingungslos unterstützt. Die Darmstädter Fans waren, auch aufgrund der geringen Menge, nicht zu hören, was etwas schade war, aber am Ende muss jeder selbst wissen, ob man die Mannschaft immer oder nur, wenn auch der Gegner passt, unterstützen will.

    Für Leipzig. Für RB. Für rot-weiße Fankultur.

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