Ein Sieg wie eine gefühlte Niederlage?

„Fußball ist deshalb so spannend, weil niemand weiß, wie das Spiel ausgeht.“ (Sepp Herberger) und auch das Spiel RB Leipzig gegen den 1. FC Nürnberg war spannend, wenn auch unnötig spannend. Nach einem frühen Platzverweis und 3 Toren nach 16 Minuten hätten die roten Bullen ihren Fans ein Fußballfest bereiten können, aber am Ende lieferte man einen Thriller ab.

Vor dem Spiel stand fest: Nur ein Sieg kann gegen Nürnberg auch nur annähernd genug sein und von daher ist das 3:2 ein eigentlich annehmbares Ergebnis, aber wenn man Nürnberg derart zurückkommen lässt, hätte man auch verlieren können und das Gefühl nach dem Spiel wäre wohl das gleiche gewesen.

Ralf Rangnick stellte seine Elf für die Mission „Dranbleiben“ auf vier Positionen um und Compper durfte sein Saisondebüt feiern. Verletzungsbedingt fehlte Forsberg und Selke lief als einziger Stürmer im 4-2-3-1 auf. Teigl, Poulsen und Jung mussten von der Bank aus auf ihre Einwechslungen hoffen.
Auf Seiten der Gäste kam Schäfer zu seinem Saisondebüt und der 36Jährige Torhüter ersetzte den verletzten Schlussmann Kirschbaum. Bulthuis saß zudem auf der Bank und für ihn spielte Margreitter, der schon nach wenigen Minuten eine spielentscheidende Aktion ausführte, aber von Anfang an:

Die erste Möglichkeit hatten die Gäste bereits nach zwei Minuten, als Möhwald einen Freistoß tritt. Dieser findet aber keinen Abnehmer im 16er und so konnte sich Coltorti den Ball problemlos schnappen. Diese Gelegenheit war in der Anfangsphase aber das einzig Nennenswerte, da beide Teams erst einmal Probleme hatten ins Spiel zu finden. In der siebten Minute konnte Selke aber in den Strafraum dribbeln, wo er unsanft von Margreitter gestoppt wurde. Schiedsrichter Dingert entschied sofort auf Strafstoß und Platzverweis für den Nürnberger. Den fälligen Elfmeter verwandelte Dominik Kaiser trocken ins rechte Eck und mit dieser Führung und der Überzahl im Rücken spielten die Leipziger locker auf. Bereits drei Minuten später erhöhte Davie Selke in der 11. Minute nach schönem Zuspiel von Klostermann auf 2:0. Die Gastgeber wirkten wie euphorisiert und überrannten die Gäste förmlich und nach weiteren fünf Minuten erhöhte Selke per Fernschuss aus 22 Metern auf 3:0. Nicht nur durch den Platzverweisen ergaben sich viele Räume für die Rasenballer, die durch schnelles und steiles Spielen durch das Zentrum viel Torgefahr versprühten. In Minute 23 hatte Selke die Möglichkeit auf sein drittes Tor, aber die Flanke von Kaiser war zu ungenau für den ehemaligen Bremer. Erst nach gut 25 Minuten schienen die Nürnberger den Schock des frühen Gegentores verkraftet zu haben und zwangen die Leipziger zu Fehlern. Ilsanker war es in der 27. Minute, der den Ball verspringen ließ, aber seinen Fehler machte er durch schnelles Umschalten und guten Antritt in der Rückwärtsbewegung wieder gut. Die erste gelbe Karte der Partie sah Massimo Bruno nur eine Minute später, als er seinen Gegenspieler auflaufen ließ. Dingert ließ den Vorteil laufen und zeigte Bruno nachträglich die gelbe Karte. Die Vorteilsaktion selbst konnten die Nürnberger aber nicht nutzen und so zogen die Hausherren weiter an. Orbans Kopfball aus der 30. Minute (nach Ecke Halstenberg) ging zwar über den Kasten von Schäfer, aber die Richtung war klar. Trotz dieser deutlichen Überlegenheit und der komfortablen Führung unterliefen den Spielern von Ralf Rangnick zu viele Fehlpässe und vor allen in den letzten entscheidenden Aktionen war man zu ungenau. Schäfer, der bei seinem Debüt sehr unglücklich aussah, konnte sich erst in der 37. Minute auszeichnen, als er einen Ball von Bruno hielt. Zuvor musste er dreimal hinter sich greifen und zwei weitere Schüsse gingen über sein Tor. Die Torchance von Bruno kam überdies nur zustande, da Selke nach einem schnellen Ball in die Spitze wegrutschte. Fünf Minuten später bekamen die Leipziger einen Freistoß zugesprochen, nachdem Ilsanker von Möhwald gefoult wurde. 25 Meter vorm gegnerischen Tor stehen vier Mann, doch Halstenbergs Schuss flog deutlich übers Tor. Die Variante war zwar interessant, aber an der Umsetzung darf gerne trainiert werden.
Zur Halbzeit konnte man trotz dieser vielen Möglichkeiten, die gar keine waren, zufrieden sein. 3:0 und das mit 9:0 Torschüsse sind nicht das schlechteste Resultat und Nürnberg ist trotz eines Spielers weniger nicht irgendein Verein. Die Statistiken zur Pause ließ zudem hoffen, dass es munter weitergeht. 54,29% gewonnene Zweikämpfe, eine Passgenauigkeit von 82 % (Vergleich Nürnberg: 69 %, wobei Leipzig 226 angekommene Pässe und der 1. FC Nürnberg nur 114 hatte) und ein Ballbesitz von 58 % sind Werte, mit denen man Arbeiten kann. Auffällig war aber in der ersten Halbzeit, dass alle Flanken jeweils über die links Seite kamen. Taktische Ausrichtung oder spielerisches Ungleichgewicht? Wenn man trotz einer Drei-Tore-Führung aber 13 Fouls begann und der Gegner nur siebenmal hinlangte, stimmt auch irgendetwas nicht, aber zumindest diese Statistik verschob sich im späteren Spielverlauf merklich.

Nach dem Seitenwechsel fehlte den Leipzigern der Wille und den Nürnbergern die Mittel um das Spiel mit Highlights zu füllen. Erst in der 53. Minute fasste sich Compper ein Herz und zog einfach mal ab, doch Schäfer konnte den Fernschuss gerade noch über das Tor lenken und zur Ecke klären, die im Endeffekt aber nichts einbrachte. Eine Minute später kamen die Rasenballer wieder vor das gegnerische Tor, doch der Schuss von Ilsanker flattert mindestens einen Meter über das Tor. Nach den ersten Minuten der zweiten Halbzeit drehten die Rot-Weißen Messestädter aber wieder auf und weiter ging es Schlag auf Schlag. Halstenberg nutzte den gegebenen Raum und ließ die Massen mit einem wunderschönen Seitfallzieher jubeln, aber der Treffer zum vier zu null wurde aufgrund von gefährlichen Spiel nicht anerkannt. Nach dem Betrachten der TV-Bilder eine vertretbare Entscheidung. Schade war es trotzdem, wäre der Treffer doch sicherlich ein Fall für das „Tor des Monats“ gewesen. Wie aus dem Nichts versuchten aber auf einmal die Nürnberger Teil der Berichterstattung zu werden. Möhwalds Freistoß mutierte zur Flanke für den zuvor eingewechselten Bulthuis, der sowohl Compper, als auch alle anderen Leipziger übersprang und via Kopf zum 3:1 traf (62. Minute). Dieses Tor wirkte wie eine Initialzündung für beide Mannschaften. RB Leipzig zog sich zurück und der 1. FC Nürnberg witterte Morgenluft. Während die Gäste ihre Standards für gefährliche Tormöglichkeiten nutzten, versickerten die meisten Leipziger Angriffe nach ruhenden Bällen im Nichts. Dominik Kaisers Ecke aus der 67. Minute geriet beispielsweise viel zu kurz. Das sollte ein so feiner Techniker besser können. Drei Minuten später machte es Halstenberg per Freistoß besser und flankte gut getimt auf Poulsen, aber sein Kopfball war dann doch etwas zu hoch angesetzt. Die Nürnberger spürten die Verunsicherung des angeblich so überlegenen Gastgebers und mit Füllkrug bekam die Offensive neue Impulse. Der Einwechselspieler war es auch, der in der 76. Minute die Leipziger Hintermannschaft düppierte und nach einer weiteren sehr guten Freistoßflanke von Möhwald zum 3:2 einnetzte.
Sollte RasenBallsport Leipzig den sicher geglaubten Sieg noch aus der Hand geben? Die erneute Chance für Füllkrug in der 78. Minute (Sein Schuss ging links am Tor vorbei) machte zumindest klar, dass sich die Nürnberger noch lange nicht aufgegeben haben und wer zwei Tore in Unterzahl machen kann, kann auch ein drittes erzielen. Die Nerven der Leipziger Spieler flattern. Nach einer komfortablen Führung zwei Tore nach Standards. Das ist nicht bitter, sondern einfach dämlich und unnötig. Die Gäste stürmten weiter und die Leipziger kamen kaum noch zu Entlastungsangriffen. Solch einer war es auch in der 80. Minute, wobei im Nürnberger Strafraum ein munteres Scheibenschießen veranstaltet wurde. Sabitzer schoss sich bei diesem Angriff zudem halb komödiantisch fast selbst an. Etwas mehr Konzentration und Umsicht wäre hilfreicher gewesen, aber das fehlte zuletzt häufiger. Die letzten zehn Minuten wurden zur Zerreißprobe und um es positiv auszudrücken: 81. Minute – Coltorti rettet gegen Behrens. Positiv ausgedrückt: Coltorti konnte sich, wie in der 81. Minute gegen Behrens, mal wieder auszeichnen. RB Leipzig versuchte zwar ansatzweise das Ergebnis wieder entspannender zu gestalten, aber die Offensivkräfte standen häufig allein auf weiter Flur. Poulsen beispielsweise bekam in der 84. Minute den Ball zwar schön in die Spitze gespielt, aber allein gegen drei Nürnberger war er chancenlos. Mit immer bangeren Blicken starrten die rund 29’000 Zuschauer auf den Rasen und es gab wieder einen Freistoß aus guter Position für die Gäste, aber bei diesem (87. Minute) passte Coltorti auf und konnte den Ball am Ende relativ ungefährdet pflücken. Die drei Minuten Nachspielzeit vergingen wie Stunden und es passierte: Nach der ersten Ecke der Nürnberger überhaupt in dieser Partie traf Füllkrug, aber der Angreifer stand eindeutig im Abseits. Glück gehabt. Durchatmen und auf den erlösenden Abpfiff warten, der den knappen Sieg über die Zeit retten sollte. Nach 93. Minuten, die zunächst wie ein Märchen waren und sich dann in ein „Was machen die denn da?“ entwickelte, läutete der Schlusspfiff Jubelstürme auf den Rängen ein. Nach drei Unentschieden in Folge gab es endlich mal wieder einen Sieg, aber was war das? Wie kann man mit so einer deutlichen Führung und in Überzahl so ins Schwimmen geraten?

Die Spieler in der Einzelkritik
Aufstellung: Coltorti, Klostermann, Orban, Compper (85. Minute – Sebastian), Halstenberg, Demme, Ilsanker, Sabitzer, Kaiser, Bruno (61. Minute – Poulsen), Selke (61. Minute – Quaschner)

  • Coltorti: Hatte bei den beiden Gegentoren wenig zu halten, hätte aber unter Umständen seine Vorderleute besser koordinieren können. Rettete den knappen Sieg durch einige sehr gute Paraden.
  • Klostermann: In der Schlussoffensive mit Bemühungen nach vorne, aber vor allen in der eigentlichen Drangphase zu zögerlich. In der Defensive mit einigen unnötigen Fehlpässen und mit rund 79% gewonnenen Zweikämpfen einer der schlechtesten.
  • Orban: Nach seinen schwächeren Partien wieder erstärkt und mit sehr guten Zweikampf – und Passwerten. Im Zusammenspiel mit Compper aber weniger effektiv.
  • Compper: Zu offensiv orientiert und dadurch ließ er Lücken, die die Nürnberger hätten nutzen können. Seine Offensivaktionen waren dafür durchaus gefährlich, aber seine Zweikampfquote sollte ihn für weitere Startelfeinsätze in der Innenverteidigung disqualifizieren.
  • Halstenberg: Sehr schlechtes Zweikampfverhalten und seine Läufe über den Flügel häufig uneffektiv.
  • Demme: Er suchte die Zweikämpfe und zog die Gegenspieler an sich. Diego hätte durchaus häufiger nach vorne gehen können und auch mit eigenen Torschüssen Schäfer prüfen dürfen.
  • Ilsanker: In der ersten Hälfte sehr auffällig, aber auch mit individuellen Fehlern. Deutlich zweikampfstärker als zuletzt und mit guter Raumdeckung.
  • Sabitzer: Viel Zug zum Tor und mit insgesamt acht Torschussbeteiligungen sehr präsent. Im Passspiel aber viel zu hektisch.
  • Kaiser: Ihm fehlte gegen Nürnberg die nötige Präsenz und er konnte seine Mannschaft nach den beiden Gegentoren nicht stabilisieren. Trotz der vielen Ballbesitzphasen nicht effektiv genug.
  • Bruno: Verlor zu viele Zweikämpfe und ging nicht energisch genug hinterher.
  • Selke: Vor allen in der ersten Halbzeit spritzig und torgefährlich. Hätte er seine Räume noch besser genutzt, wäre es wohl niemals noch so spannend geworden, aber kann man wirklich noch mehr verlangen? Mit zwei Toren aus zwei Torschüssen ist zumindest die Chancenverwertung hervorragend.
  • Quaschner: Wesentlich unauffälliger als in den ersten Partien, bei denen er auch nur eingewechselt wurde. Die Passgenauigkeit (über 77%) ist für einen Offensivspieler aber bemerkenswert.
  • Poulsen: Noch immer außer Form. Er errannte sich zwar Möglichkeiten, war aber im Abschluss zu unüberlegt. Ein Torschuss in 30 Minuten kann nicht der Anspruch sein, den so ein talentierter Spieler erfüllen muss.
  • Sebastian: Der Routinier sollte die Abwehr in den letzten fünf Minuten stabilisieren, was ihm wohl auch irgendwie gelang, aber natürlich hätte die Einwechslung eher erfolgen müssen.


  • Die Leipziger Bullen zeigten zum wiederholten Male zwei sehr konträre Halbzeiten: Konnte man nach dem Platzverweis und der frühen Führung dominieren, wirkten fast alle Spieler nach der Pause verunsichert und wenig bemüht. Zudem bremste man sich selbst durch Fehlpässe aus, aber immerhin konnte man mit präzisen Steilpässe und gutem Umschaltspiel glänzen und die Gäste lange aus dem Spiel nehmen.
    Das Ziel „Platz vier im Visier“ wurde zwar durch den gleichzeitigen Heimsieg von Eintracht Braunschweig verfehlt, aber mit nur noch einem Punkt Rückstand auf Platz drei kann man zumindest tabellarisch unbesorgter in die Länderspielpause gehen. Dass das Spiel in der zweiten Halbzeit grauenvoll anzuschauen war und man in Überzahl nach einer 3:0 Führung diese vielmehr ausbauen könnte, anstatt mit zwei Gegentoren die eigenen Anhänger zur Verzweiflung zu bringen, ist gewiss, aber nach den Unentschieden gegen Heidenheim und Freiburg, darf sich auch mal ein Sieg wie eine Niederlage anfühlen.

    Für Leipzig. Für RB. Für rot-weiße Fankultur.

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