Alter Schwede: Wie viele Chancen braucht ihr?

13 Torschüsse, zwischenzeitlich mit wunderschönen Angriffen und doch eine verdiente Niederlage gegen tapfer kämpfende und clevere Hanseaten. RB Leipzig kann auch im zweiten Heimspiel der Saison nicht gewinnen und verliert nach unzähligen Tormöglichkeiten gegen tief stehende Gäste.

Aus dem angestrebten ersten Platz wurde nichts und auch auf den ersten Heim-Dreier in dieser Saison müssen alle rot-weißen Leipziger noch warten, aber bevor hier alles schlecht geredet wird: Die ersten ungefähr 35 Minuten waren richtig gut und auch später fehlte nur etwas Glück und man hätte das Spiel gegen St. Pauli zumindest nicht verloren. Für viele Zuschauer spielte zudem das Schiedsrichtergespann eine nicht zu unterschätzende Rolle und auch für uns war er rein subjektiv betrachtet nicht objektiv genug. Sei’s drum! Mund abputzen und das Positive mitnehmen: Sabitzer und Bruno finden immer besser ins Team und das Zusammenspiel aller Mannschaftsteile funktionierte heute auch besser, als zum Beispiel gegen Fürth. Dass ein Gegner, der sich hinten reinstellt, schwer zu bespielen ist, sollte klar sein, aber mit mehr Tricksen und mehr Verständnis für den Mitspieler (Wo läuft er hin? Wo braucht er den Ball?) kann das alles nur besser werden. Für heute kann man aber nur konstantieren, dass der FC St. Pauli einfach cleverer war und das Glück auf seiner Seite hatte. Verdient war die Heimniederlage allemal, da es immer bestraft wird, wenn man vorne seine eigenen Möglichkeiten nicht nutzt.

Im Vergleich zum Auswärtssieg in Braunschweig veränderte Ralf Rangnick die erste Elf nicht und der angeschlagene Sabitzer konnte von Beginn an antreten.
Bei den Braun-Weißen kehrte Sobiech in die Startelf zurück und Buchtmann ersetzte den verletzten Marcel Halstenberg. Trainer Ewald Lienen änderte aber nur die Aufstellung und nicht die bekannte Formation von 4-2-3-1.

Die recht defensive Aufteilung machte sich zunächst nicht bemerkbar und beide Mannschaften spielten sofort nach vorne. Die erste Chance der Partie hatte Thy bereits in der dritten Minute, aber Coltorti war aufmerksam. Keine drei Minuten später prüften Sabitzer und Selke den Schlussmann von Pauli, aber zunächst blieben diese Möglichkeiten eher harmlos. Der Versuch von Teigl (Minute 8), aber auch Forsbergs Schuss (Ebenfalls noch in der achten Minute) waren da schon etwas gefährlicher, aber es blieb beim 0:0. In der 11. Minute musste Coltorti beim Freistoß von Rzatkowski seine ganze Klasse zeigen und er bewies, dass er wohl auch ohne Gulácsis erneute Sperre die Stammkraft zwischen den Pfosten wäre.
Nach dieser spritzigen Anfangsphase versuchten beide Mannschaften das Tempo zu halten, aber viele Bälle verloren sich im Mittelfeld und die Gäste gönnten sich eine leichte Verschnaufpause und rückten etwas mehr nach hinten. Erst in der 22. Minute ging wieder ein lautes Raunen durch die Kurve, als Emil Forsberg per Linksschuss nur den Pfosten traf. Hinterher kann man darüber philosophieren, wie sich das Spiel entwickelt hätte, wenn Emil den Ball im Netz versenkt hätte. Die Paulaner zogen wieder etwas an und kamen ihrerseits wieder zu Chancen, aber sowohl Maiers Lupfer (27. Minute), als auch Rzatkowski Freistoß (37. Minute) konnten abgewehrt werden. In den letzten fünf Minuten vor der Pause brauchten aber auch die Rasenballer eine kleine Pause und diese nutzen die Gäste eiskalt: Thy kam gute 17 Meter vor dem Tor zum Schuss und verwandelte das Zuspiel von Maier kaltschnäuzig zum 0:1. Coltorti war bei dieser Szene machtlos und vielmehr hätten die Verteidiger vorher energischer agieren müssen.

Zur zweiten Halbzeit blieb Tim Sebastian in der Kabine und für ihn kam Poulsen in die Partie. Der Däne, der die letzten Spiele nicht überzeugen konnte, brachte auf Anhieb neue Akzente. Yussuf spielte mehrere Gegenspieler aus und legte den Ball quer auf Selke, dieser verzog den Ball aber etwas und das Spielgerät ging knapp vorbei (Minute 51.). Danach lief aber lange nichts mehr zusammen. St. Pauli begnügte sich mit der Verteidigung der knappen Führung und RB Leipzig fand einfach kein Mittel gegen die sicher stehende Defensive. Für solche Momente und solche Gegner muss eine Mannschaft wie RasenBallsport Leipzig aber noch Trümpfe in der Hinterhand haben und über schnelle Angriffe oder präzise Doppelpässe Räume schaffen. Die Kiezkicker verlagerten ihre Offensivbemühungen auf Konter, die durchaus Gefahr versprühten. In der 58. Minute etwa scheiterte Sobota nur am Außennetz.
Erst in der 67. Minute kamen die Rot-Weißen wieder gefährlich vor das Tor von Pauli-Keeper Himmelmann, aber Forsbergs Hereingabe wurde gerade so noch vor Selke abgefangen. Mit Kalmár (Minute 76 für Forsberg) und Quaschner (85. Minute für Jung) legte Rangnick alles in die Waagschale und die Rasenballer kamen noch einmal. Dominik Kaiser, der sonst für seine starken Standards bekannt ist, aber bisher nicht wirklich viel zeigte, brachte einen Freistoß aus 20 Metern perfekt auf den Kasten der Gäste, aber Himmelmann rettete die knappe Führung und lenkte den Ball über die Latte (86. Minute). Kalmár versuchte es in der 94. Minute mit einem Fernschuss, aber auch den hielt Himmelmann. Der Schlussmann von St. Pauli zeigte eine bärenstarke Partie und ließ die Leipziger Angreifer verzweifeln. Schiedsrichter Dankert pfiff überpünktlich ab und zerstörte den letzten Angriff der Rot-Weißen, aber wer über 95 Minuten kein Tor macht, hat es am Ende wohl nicht anders verdient. Tormöglichkeiten gab es genug und am Ende fehlte wohl auch etwas Glück, aber das hatten die Rasenballer zu genüge im Spiel gegen Fürth und manchmal muss man dann auch einfach und jeder 100% geben und nicht nur darauf bauen, dass man (auf dem Papier) überlegen ist.

Die Spieler in der Einzelkritik
Aufstellung: Coltorti,Teigl, Orban, Sebastian (46. Minute – Poulsen), Jung (84. Minute – Quaschner), Kaiser, Ilsanker, Bruno, Forsberg (76. Minute – Kalmár), Selke, Sabitzer

  • Coltorti: Bewahrte bis zur letzten Minute die Chance auf ein Unentschieden. Fabio kann einen schon leid tun, wenn man als Torwart immer alles gibt und von seinen Vorderleuten im Stich gelassen wird.
  • Teigl: In der ersten Halbzeit zu zaghaft, wurde aber später besser.
  • Orban: Im Vergleich zu den vorherigen Spielen recht unsicher.
  • Sebastian: „Der Fels in der Brandung“ musste leider in der Halbzeit verletzungsbedingt ausgewechselt werden. Bis dahin aber fast fehlerfrei.
  • Jung: Gutes Spiel über seine Seite und mit guter Arbeit in der Defensive, aber auch nach vorne mit sehr guten Einfällen. Ließ in der zweiten Halbzeit sehr nach.
  • Kaiser: Trotz dessen, dass er immer sehr flink wirkt, im Spiel gegen St. Pauli sehr träge und undynamisch. Seine Ecken meistens harmlos.
  • Ilsanker: Der Krieger im Mittelfeld kämpfte um jeden Ball und konnte viele Bälle zurückerobern. In der zweiten Halbzeit als Innenverteidiger gefordert, aber dann zumeist mit schlechter Spieleröffnung.
  • Bruno: In der ersten Halbzeit sehr agil und zielstrebig. Auch im Spiel nach hinten sehr gut und sicher. In der zweiten Halbzeit fast komplett abgetaucht.
  • Forsberg: Der beste Rot-Weiße heute und wieder mit viel Spielwitz und Dynamik. Leider glücklos und später dann etwas verloren.
  • Selke: Kämpferisch top, aber in den meisten Zweikämpfen zu nachlässig.
  • Sabitzer: In der ersten Halbzeit einer der Besten, aber er baute im Verlauf des Spiels immer weiter ab. Sein Angriffsspiel heute zwar nicht vom Glück verfolgt, aber durchaus ansehnlich und zukünftig sicherlich auch für das eine oder andere Tor gut.
  • Poulsen: Seine Einwechslung brachte zunächst neuen Schwung, der aber schnell verpuffte. Er sollte mit seiner Geschwindigkeit die tief stehenden Hamburger herauslocken und für Torgefahr sorgen, aber das gelang nur sehr selten.
  • Kalmár: Bissig und mit einer kämpferisch guten Leistung. Sein Schuss hätte den Punkt retten können, aber auch er heute glücklos.
  • Quaschner: Die Einwechslung erfolgte viel zu spät. Schade, da er von der Spielanlage für Torgefahr sorgen kann.
  • Gegen Greuther Fürth hätte RasenBallsport Leipzig schon verlieren können und heute war es gegen St. Pauli soweit. Die erste Niederlage der Saison bedeute den Absturz auf Platz 5 und sicherlich wieder einigen Spott von „Fans anderer Vereine im Internet“ (Hier darf jeder gerne andere Bezeichnungen einsetzen). Ralf Rangnick hat es in der Pressekonferenz nach dem Spiel schon exakt auf den Punkt gebracht: „Ich habe eine halbe Stunde sehr viele sehr gute Dinge gesehen. Normalerweise nutzt Davie #Selke solche Chancen. […] Wir hatten am Ende alle Offensiven auf dem Platz, aber es wirkte dann nicht mehr ganz strukturiert.“ (Link). Die Struktur verlor RB Leipzig in der letzten Saison häufig schon direkt beim Anpfiff und die erste halbe Stunde war wirklich ansehnlich und machte Hoffnung, aber danach verloren die Rot-Weißen den Faden und fanden kein Mittel gegen die defensive Überlegenheit der Gäste. Ein Kaiser, Sabitzer oder Selke müssen mit ihren technischen Mitteln aber Wege durch das Abwehrbollwerk finden oder man benötigt eben einen Kalmár, Khedira, Kaiser oder Demme, die auch aus größeren Distanzen Torgefahr ausstrahlen. Die Einwechslung von Poulsen war durchaus nachvollziehbar, aber der junge Däne ist derzeit im Kopf nicht fit genug. Heute überzeugte er zwar mit einigen guten Pässen, aber er kommt bei weitem nicht an die Leistungen aus der letzten Saison heran. Quaschner, der als große Hoffnung gilt, hätte mit einer früheren Einwechslung vielleicht besser das Spiel herumreißen können. Andererseits war es auch sehr riskant Sebastian nicht direkt zu ersetzen, sondern Ilsanker nach hinten zu ziehen. Defensiv hat er durchaus seine Stärken, aber der Spielaufbau liegt ihm eher, wenn er weiter vorne agieren kann.

    Was kann man also aus diesem Spiel mitnehmen? 100% gaben heute nur die wenigsten: Forsberg und Coltorti vielleicht und 95% sicherlich auch Kaiser und Ilsanker, aber der Rest? Tim Sebastian musste verletzt runter, konnte aber vorher überzeugen. Bruno ging irgendwann unter und Sabitzer wirkte zunehmend unkonzentriert. Das Flügelspiel war nur phasenweise annehmbar und später verhungerten die langen Bälle. Es kann doch nicht sein, dass die Mannschaft nur gut spielen kann, wenn das der Gegner auch zulässt. Andere Mannschaften, die auch gegen jeden Gegner Favorit sind, schaffen es doch auch und stellen sich auf ihre Gegner ein. Im Training muss so etwas doch trainiert werden, aber so geheim, wie das häufig ist, könnten die auch Mau-Mau spielen und wir würden uns hinterher wundern, warum die Mannschaft noch immer nicht richtig funktioniert.

    Anmerkung:
    Heute müssen sich aber auch andere an die eigene Nase fassen: Der Support war nicht durchgängig gut. Bei über 41 000 Zuschauern kann man doch eigentlich davon ausgehen, dass immer 100% gegeben wird und jeder Fangesang das Stadion zum Beben bringt. Zwischendurch war es auch richtig schön laut, aber gerade zum Ende hin verflachte der Support und gerade in solchen Spielen braucht die Mannschaft aber den 12. Mann!

    Anmerkung²:
    Unser Dank gilt den „Red Aces“, die mit wenigen Mitteln, aber dem Einsatz von sehr viel Zeit heute eine kreative Choreografie auf die Beine stellten! Danke dafür und gerne mehr.

    Anmerkung³:

    Hatten viele vor dem Spiel noch die Hoffnung, dass, wenn schon der Verein FC St. Pauli sich nicht von anderen „Traditonsvereinen“ unterscheidet, die Fans wenigstens sehen, dass RasenBallsport Leipzig gar nicht so anders ist und schon gar nicht die Fans, musste man nach dem Spiel konstatieren: Mit Hass hat man noch nichts erreicht! Wer bei einer Schweigeminute nicht schweigen kann, gehört eher in den Kindergarten, als auf die große Fußballbühne und sollte sich mit Urteilen über andere lieber direkt zurückhalten. Wann verstehen es endlich die „anderen“ Fans, dass auch wir RB Leipzig nicht des Geldes wegen lieben, sondern weil wir Fußball sehen wollen? Ohne Hass, ohne Angst und ohne ein schlechtes Gewissen!

    Für Leipzig. Für RB. Für rot-weiße Fankultur.

    4 Kommentare zu “Alter Schwede: Wie viele Chancen braucht ihr?

    1. Zitat:
      Bei über 41 000 Zuschauern kann man doch eigentlich davon ausgehen, dass immer 100% gegeben wird und jeder Fangesang das Stadion zum Beben bringt. Zwischendurch war es auch richtig schön laut, aber gerade zum Ende hin verflachte der Support und gerade in solchen Spielen braucht die Mannschaft aber den 12. Mann!

      Support wird völlig überbewertet. (meine Meinung)
      Gibt nun mal max. 2k-3k die überhaupt in Frage kommen.
      Alle Anderen sind in Ihrem Engagement doch sehr vom Spielverlauf beeinflusst.

    2. Schöne Zusammenfassung des Spiels.
      Einzig der allerletzten Anmerkung kann ich mich nicht anschließen: Denn der Mensch Gerhard Meyer-Vorfelder war als Ganzes (und speziell im Hinblick auf seine politische Vita) derart ambivalent, dass ich es gut verstehen kann, wenn man sich während einer Schweigeminute NICHT zum „Claqueur“ der großen Masse machen läßt und seiner eigenen Weltsicht folgend eben sitzen bleibt (so wie ich und andere in meinem Umfeld des Block 11) oder nicht schweigt. Respekt muss man nicht heucheln! Und das eine bekanntermaßen linke Anhängerschaft, wie die des FC St. Pauli dies nicht tut, muss ausnahmsweise mal nicht als das gängige RB-Bashing missverstanden werden.

      1. Genau meine Meinung! MV war ein Mensch, der viel bot, weswegen man ihn „nicht mögen“ musste. Die Paulifans hätten aber lieber ein Plakat machen können. Am TV kam das ganze dann doch etwas geschmacklos rüber, aber für mich, der die Fanszene und MVs Leben kennt, mehr als verständlich. Leider muss man auch immer die Wirkung auf andere miteinbeziehen.

        Zu Truckle: Leider war. Mehr Leute verwaschen eher noch den Support, da die Supporter nicht so dicht beisammen stehen können. Irgendwann werden es aber sicherlich mehr als die 3000 sein, die immer mitsingen, klatschen und springen. Immerhin war B28 diesmal geschlossen und nicht von einigen, die dummes Zeug anstimmen, übersät. Der Capo gibt den Ton vor und das gelang meistens ganz gut. Leider war der Spielverlauf für viele zu schlecht und so stellte man den Support ein. In Berlin bin dann ich wieder dabei und dann wirds ganz anders. ^^

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