#WIRSINDE1NS

Einige Tage sind vergangen, seitdem aus RB Leipzig, der Stadt und den Fans eins wurde und trotz dessen, dass wir extra lange gewartet haben um diesen Bericht auf’s virtuelle Papier zu bringen, ist es noch immer surreal.

Das, worauf wir uns 32 Spiele lang vorbereitet und sicherlich auch gefreut haben, trat um 17:19Uhr ein: RB Leipzig hat den Aufstieg in die erste Bundesliga perfekt gemacht. Nach den ersten 45 Minuten gegen Karlsruhe stand es noch 0:0 und da Nürnberg führte, hätte dieses Ergebnis nicht gereicht. Eine Verschiebung um genau eine Woche auf den 15.5. (Auswärtsspiel in Duisburg) hätte dieser Zwischenstand als Endstand bedeutet oder noch schlimmer, wenn man in Duisburg dann noch verloren hätte: Relegation! Zwei Spiele, die alles entscheiden. Tausend Szenarien spulten sich im Kopf ab. Die Hater wären wieder aus ihren Löchern gekommen. RasenBallsport Leipzig schafft trotz der Red-Bull-Millionen nicht den Aufstieg. Für Fans ist dieser Hass, auch wenn man weiß, wie dumm diese „Traditionsretter“ eigentlich sind, nicht leicht weg zustecken, aber aufhören RB Leipzig zu lieben? Das ist ungefähr so, als wenn man seine große Liebe verlässt, nur weil die Eltern sie nicht mögen. Liebe ist stärker, aber es schmerzt trotzdem.

Zum Glück blieb uns das erspart (was natürlich die Hater vom Schreiben von Hass-Botschaften nicht abbrachte, aber durch den Aufstieg erträgt man das mit einem Lächeln) und RasenBallsport Leipzig besiegte am Ende Karlsruhe verdient mit 2:0 und alle Dämme brachen: Gestandene Männer brachen in Tränen aus und Kinder danken ihren Eltern, dass sie mit durften. Niemand von uns wird das wohl jemals vergessen und auch wenn schon der Aufstieg in die zweite Liga unvergessen bleiben wird, ist dieser Moment noch in den nächsten Jahrzehnten ein Gänsehautgarant.
Viele von uns kennen wohl noch bedeutende Siege aus ihrer Fußball-Vergangenheit vor RB Leipzig, aber selbst der „Aufstieg“ von Lok verblasste schon längst und Meistertitel in der DDR konnte man wohl nur als Chemie-Fan wirklich ernst nehmen. Siege in den unteren Ligen und Pokalspiele oder sogar Aufstiege waren zwar auch damals unbeschreiblich, aber das, was uns RasenBallsport Leipzig ermöglicht hat, stellt alles in den Schatten: Wir sind E1ns! Je öfter man es hört, umso unrealistischer klingt es. Am Tag nach dem Aufstieg waren die Zeitungen voll mit Berichten über RBL und auch diese Artikel (samt Bilder) verscheuchten nicht das Gefühl, dass das nicht wahr sein kann.
Trotz des unglaublichen Gefühls akzeptieren wir es aber langsam als real und genießen die letzten Tage in der zweiten Liga, aber natürlich ist der Blick nicht nur auf das letzte Saisonspiel, sondern sicherlich auch auf die erste Liga gerichtet. In der ersten Liga steht bisher nur Hannover 96 als Absteiger fest und mehrere Teams spielen am letzten Spieltag um die Möglichkeit in der nächsten Saison gegen RB Leipzig spielen zu können (Okay das ist wohl eher weniger die Intention hinter dem Klassenerhalt, aber gegen Davies ehemaligen Verein wäre ein Ligaspiel selbstredend spannend, aber auch gegen Eintracht Frankfurt oder Stuttgart wäre für uns ein bisher noch nicht dagewesenes Erlebnis.).

Abseits dieser letzten spannenden Entscheidungen der Saison fällt die Entscheidung zwischen Stadionum – oder Neubau erst Ende diesen Jahres. Gegen den Sportclub aus Karlsruhe war die Red Bull Arena mit 42’559 Zuschauern ausverkauft und sogar Didi Mateschitz war vor Ort. Er sah eine Leipziger Mannschaft, die im Vergleich zum Auftritt gegen Arminia Bielefeld auf drei Positionen änderte: Orban rückte nach seiner abgesessenen Sperre zurück in die Innenverteidigung, Khedira musste im defensiven Mittelfeld seinen Platz für Ilsanker räumen und Fabio Coltorti stand für Gulácsi im Tor.

Vor ausverkauften Rängen begann RasenBallsport Leipzig offensiv, aber nicht mit der nötigen Durchschlagskraft. Viele Bälle gingen im Spielaufbau verloren oder entscheidende Pässe in die Spitze kamen nicht an. Die erste gute Möglichkeit hatte Orban (Minute 12), als er eine Ecke von Kaiser klar über das Tor geköpft hatte. Eine Minute später versuchte Sabitzer auf Poulsen durchzustecken, aber Gulde passte auf und konnte vor dem Fünfer klären.
In der 22. Minute kam Poulsen rechts am Fünfer an den Ball, aber sein Schuss ging knapp rechts vorbei. Die roten Bullen erhöhten zwar in dieser Phase den Druck und hatten auch mit gut 73% Ballbesitz das Spiel in der Hand, aber wirklich zwingend waren sie nicht. Gut, dass die Karlsruher ihrerseits die erspielten Chancen nicht nutzen konnten beziehungsweise selbst den letzten Pass nicht genau genug spielen konnten. Die erste nennenswerte Gästemöglichkeit gab es deswegen auch erst in der 30. Minute, als Sallahis Ecke von rechts Diamantakos fand, aber sein Schuss aus wenigen Metern vor den Tor von Coltorti (glücklich? Mit der Souveränität eines erfahrenen Torhüters!) geklärt werden konnte.
Nur zwei Minuten später kamen die Rasenballer zur bisher besten Möglichkeit des Spiels: Klostermann zog aus vollem Lauf aus gut 17 Metern einfach mal ab, aber Vollath lenkte den Ball mit einer starken Parade noch gerade so über die Latte. In Minute 43 versuchte es Halstenberg aus über 19 Metern, aber auch sein Schuss ging knapp am Tor vorbei. Die Führung noch in der ersten Halbzeit wäre möglich gewesen, aber auch nicht unbedingt verdient. Die Gäste standen hinten fast immer stabil und sorgten selbst für offensive Akzente.

Ohne Änderungen betraten beide Teams nach der Pause den Rasen und nach der durchwachsenen ersten Hälfte wusste man, worauf man sich freuen konnte: Die gute Halbzeit stand den RBL-Fans noch bevor und in der 52. Minute wurde es wahr: Ilsankers Flanke von rechts fand im Strafraum Forsberg, der am Fünfer den Ball leicht ins Tor einschieben konnte. Das 1:0 löste Jubelstürme, die man wohl bis Halle gehört haben musste aus und jetzt war es auch egal, dass Nürnberg führte: Mit diesem Ergebnis hätte RB Leipzig den Aufstieg perfekt gemacht. Keine Relegation und keine weiteren Ängste.
Vier Minuten nach seinem Führungstor stand Forsberg wieder im Fünfer bereit, verpasste aber den Ball von Poulsen knapp, aber hier war klar: Das 1:0 war keineswegs genug.
In der 64. Minute versuchte es Forsberg als Vorbereiter, aber sein Pass auf Sabitzer, der am Strafraumeck gewartet hatte, wurde von Vollath abgefangen. Das Zusammenspiel der Offensivkräfte klappte in dieser Phase des Spiels fast perfekt, aber entweder war es Vollath oder Gulde, der etwas gegen ein weiteres Leipziger Tor hatte. Selke, der vier Minuten zuvor für den starken Sabitzer eingewechselt wurde, hatte in der 72. Minute die Entscheidung auf dem Fuß, als er rechts vor dem Fünfer zum Schuss kam, aber Vollath warf sich in den Schuss und konnte ihn parieren. Der Karlsruher Schlussmann war der beste Spieler seines Teams und zeigte, wieso die Gäste zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 35 Gegentore (weniger als zum Beispiel Freiburg oder Nürnberg) hinnehmen mussten. Nach dieser Chance von RB Leipzig musste aber auch die Leipziger Defensive zeigen, wieso sie mit 31 Gegentoren die beste der Liga ist: Zunächst musste Compper in der 73. Minute im Fünfer klären und wenige Sekunden später war Coltorti gefordert, der mit vollem Risiko gerade noch vor Hoffer an den Ball kam. Eine weitere Möglichkeit hatten die Gäste in Minute 80 und mit dem Freistoß von Valentini, der auf dem Tornetz landete, war klar: Das 1:0 reicht nicht und Leipzig musste nachlegen, wenn man nicht noch kurz vor Schluss den Ausgleich kassieren wollte (oder man mit Mühe die knappe Führung über die Zeit retten, aber wirklich häufig funktionierte das in dieser Saison noch nicht).

WIR SIND E1NS!

86. Minute. Freistoß von rechts. Getreten von Halstenberg. Der Ball kam scharf in den Fünfer, aber eigentlich war Vollath zur Stelle und doch sorgte der zuvor bärenstarke Torhüter der Blau-Weißen für ein Stück Fußballgeschichte: Halstenbergs Flanke rutschte dem 26 Jährigen durch die Hände und landete in den Maschen. Compper stand zudem bereit den Ball einzuschieben, aber auch ohne das Zutun des Innenverteidigers fand er sein Ziel. Jetzt brachen alle Dämme und Spieler, Ersatzspieler und Betreuer lagen sich in den Armen. Nur Rangnick blieb sitzen, aber auch ihm sah man an: Das war’s! Das Tor zur ersten Liga.

Eine Minute vor Schluss versuchte es Kaiser nach einer Flanke von Selke, doch sein Schuss ging links neben das Tor. Das 3:0 wäre aber auch ein zu deutliches Ergebnis gewesen, waren doch die Karlsruher fast durchgängig mit den Rasenballern auf Augenhöhe. Am Ende entschied es die starke Offensive und etwas Glück (oder Pech, wenn man es durch Karlsruher Augen sieht) und RasenBallsport Leipzig stand sieben Jahre nach der Gründung als 55. Verein der ersten Bundesliga fest. Nach dem Schlusspfiff begann auf den Rängen und auf dem Rasen eine feucht-fröhliche Sause, bei der Rangnick sich verletzte (Wer rennt aber auch vor Selke weg?) und nach einer starken zweiten Halbzeit erstrahlte Leipzig in neuen Farben.

Die Spieler in der Einzelkritik:
Coltorti, Klostermann, Orban, Compper, Halstenberg, Ilsanker, Demme, Kaiser, Sabitzer (68. Minute – Selke), Forsberg (88. Minute – Khedira), Poulsen (79. Minute – Bruno)

  • Coltorti: Nachdem er nach seinem verletzungsbedingten Ausfall zunächst nur noch Ersatzkeeper war, zeigte er gegen Karlsruhe seine bekannten Stärken: Starkes Stellungsspiel, starke Reflexe und gute Spieleröffnung.
  • Klostermann: Legte die meisten Sprints seines Teams (30) zurück und sorgte auf der Außenbahn für viel Wirbel. Seine Flanken kamen zwar nicht immer präzise, aber allgemein war das Spiel auch eher auf die Mitte ausgelegt.
  • Orban: Sicher im Stellungsspiel, aber auch sehr gute Zweikampfwerte.
  • Compper: In der Defensive verließ sich Compper häufig auf seine Mitspieler, dafür in der Offensive mit sehr guten Spielaufbau und Passspiel.
  • Halstenberg: Defensiv wenig gefordert und mit viel Zug nach vorne.
  • Ilsanker: Wenn er in Ballbesitz war, zog er die Gegenspieler wie magisch an und schaffte somit Räume für seine Mitspieler. Gelegentlich zu offensiv, aber auch mit sehr gutem Augen für seine Mitspieler.
  • Demme: Er lief mal wieder am meisten und hatte auch die meisten Ballkontakte. Im Leipziger Offensivspiel nicht mehr wegzudenken.
  • Kaiser: Sabitzer stellte ihn etwas in den Schatten, aber wenn er mal den Raum hatte, wusste er ihn zu nutzen.
  • Sabitzer: Marcel zeigte eine sehr starke Leistung und häufig war er nur regelwidrig zu stoppen.
  • Forsberg: Nachdem er im letzten Spiel nicht ganz überzeugen konnte, bewies er gegen Karlsruhe, wieso er (berechtigt!) einer der Topspieler der Liga ist. Sehr gute Ballkontrolle, viele gefährliche Szenen, aber auch als Vorbereiter agierte er stets im Sinne des Teams und bewies gute Übersicht.
  • Poulsen: Er schoss leider zu selten (obwohl er mit zwei Torschüssen die meisten auf Seiten der Leipziger hatte), aber wirkte wesentlich stabiler und kämpferischer, als noch in der jüngsten Vergangenheit.
  • Selke: Wirbelte viel, war aber für einen Stürmer zu zögerlich.
  • Bruno: Konnte sich noch einmal zeigen und setzte seine Mitspieler gut in Szene.
  • Khedira: Seine Einwechslung kurz vor Schluss sollte wohl nichts mehr bewirken, aber zumindest kamen alle seine Pässe an und in einer Szene unterband er einen vielversprechenden Karlsruher Angriff.

  • Nachdem sich gut 2’500 Fans beim Fanmarsch auf die Partie eingestimmt hatten, sorgten diese mit den restlichen Fans auf den Rängen für eine mitreißende Stimmung. Von der ersten bis zur letzten Minute zeigte das gesamte Stadion, dass zumindest die Fans den Aufstieg mehr als verdient haben und auch die Mannschaft konnte nach dem 2:0 gegen den Karlsruher SC zufrieden sein. Der Aufstieg hätte zwar wesentlich früher in trockenen Tüchern sein können, aber wer will jetzt noch daran denken?

    Und jetzt?

    Mit dem Aufstieg ist der nächste Schritt getan, aber anders, als bei anderen Vereinen, sieht man dieses größte Ereignis der Vereinsgeschichte nicht als Ziel der Ziele. Nachdem Ingolstadt letzte Saison aufstieg, lautete das Saisonziel für die derzeit noch laufende Saison „Klassenerhalt“ und bei RB Leipzig? Natürlich peilt man nicht in der ersten Spielzeit in Liga 1 die Meisterschaft an, aber Abstiegskampf und Niederlagenserien stehen wohl nicht im Plan als mögliches hinnehmbares Szenario.
    Gegen Dortmund, Bayern und Co wird man wohl zunächst (die ersten Spielzeiten) mit Niederlagen leben müssen (wobei Darmstadt zeigte, dass es auch anders geht, aber wer will schon über Darmstadt reden oder auch nur nachdenken?), aber sind die Mittelfeld-Teams der Liga machbare Gegner? Für einen Aufsteiger eigentlich nicht, aber RasenBallsport Leipzig ist kein normaler Aufsteiger. Galten die roten Bullen in dieser Saison eigentlich immer als Favorit, wird sich das zur nächsten Saison ändern, aber was sollen diese Zukunftsgedanken, wenn das Hier und Jetzt so schön ist? Am 8. Mai 2016 hat RB Leipzig um 17:19 Geschichte geschrieben. Nach 22 Jahren spielt wieder eine Leipziger Mannschaft in der höchsten deutschen Spielklasse. Nachdem RasenBallsport Leipzig mit dem Aufstieg in die zweite Liga schon die Leipziger Zweitligaabstinenz nach 16 Jahren beendete, darf sich die Stadt wieder auf Spitzenfußball in der ersten Bundesliga freuen, aber das fühlt sich noch immer nicht real an, doch wann wird es sich endlich „echt“ anfühlen? Am 16. Mai findet auf dem Marktplatz die große Aufstiegsfeier statt und vielleicht wird dieser Traum, der schon längst in Erfüllung ging, auch endlich im Bewusstsein als Realität anerkannt.

    Für Leipzig. Für RB. Für rot-weiße Fankultur.

    Ein Kommentar zu “
    #WIRSINDE1NS

    1. Bei mir ist das ganze Spiel und alles rund um den Aufstieg auch noch nicht im Bewusstsein angekommen. Wie auch wenn Geschichte geschrieben wurde?

      Einfach nur atemberaubend und das wird bis zum ersten Spieltag in Liga eins gefeiert und dann wird der Spieltag gefeiert!
      Erste Liga Leipzig ist dabei.

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