Spielbericht zur Pokalpartie zwischen SpVgg Unterhaching und RB Leipzig

Gute 24 Stunden sind nach der Niederlage im DFB-Pokal vergangen. Eine Niederlage, die von vielen Journalisten als Blamage betitelt wurde. Das Spiel ist inzwischen halbwegs verarbeitet und der Weg ist frei für einen relativ sachlichen Bericht.

Kurz nach dem Spiel wäre wohl nur „Wie schlecht sind die denn? Gegen einen Viertligisten kann man doch nicht verlieren!“ rausgekommen, aber jetzt kann man immerhin objektiver die Geschehnisse mit „Wie schlecht sind die denn? Gegen einen Viertligisten kann man doch nicht so verlieren!“ umschreiben. Zugegeben der Pokal ist nicht ganz so wichtig: Der Utopie, dass man ihn gewinnen könnte, erlag wohl niemand und auch die Prämienausschüttung lockt wohl bei RB Leipzig niemanden hervor, aber das Ansehen und die Möglichkeit auf interessante Spiele sollten doch Anreiz genug sein und den Ehrgeiz wecken, dass man möglichst weit kommen will?

Ralf Rangnick nahm im Vergleich zum Düsseldorf-Spiel insgesamt neun personelle Änderungen vor, wobei Gulácsi und Quaschner ihr Debüt in der Startelf gaben. Nukan, der sich im Pokalspiel gegen Osnabrück verletzt hatte, feierte zudem sein Comeback. Neben diesen drei Akteuren standen Teigl, Sebastian, Jung, Khedira, Bruno und Poulsen neu in der Startformation. Nur Ilsanker und Selke standen sowohl gegen Unterhaching, als auch gegen Düsseldorf von Beginn an auf dem Platz.
Unterhachings Trainer Claus Schromm veränderte seine Mannschaft im Vergleich zum letzten Ligaspiel gegen Viktoria Aschaffenburg auf vier Positionen und schickte Bauer für Koch, Taffertshofer für Schels, Einsiedler für Marseiler und Steinherr für Reisner in die Partie. Die Grundformation (4-2-3-1) blieb hingegen unverändert und die Hausherren zeigten von der ersten Minute an, dass sie sich mit ihrer Außenseiterrolle nicht abfinden wollen. Die Leipziger, die, wenn man nur die bisherigen Spielminuten der eingesetzten Spieler betrachtet, mit einer B-Elf antraten, wirkten wie F-Junioren, wobei diese Umschreibung sicherlich noch schmeichelhaft ist. Bei einem Marktwert von über 21 Millionen Euro sollte es aber nicht an spielerischen Können gemangelt haben, aber trotzdem ging die Schromm-Elf (Marktwert des gesamten Kaders: 1,63 Millionen Euro) verdient in der fünften Minute durch Einsiedler in Führung. Einsiedler erzielte schon in der ersten Pokalrunde gegen den FC Ingolstadt zwei Treffer und nutzte in dieser Situation eine Fehlerkette von RB Leipzig eiskalt aus. Zunächst verlor Rani Khedira in der Vorwärtsbewegung den Ball und danach wehrte Georg Teigl eine Steinherr-Flanke zu kurz ab. Einsiedlers Schuss aus 12 Metern war für Gulácsi zwar nicht unhaltbar, aber mit Vordermännern, die wie Hühner nur rumrennen, kann man ihm auch keine großen Vorwürfe machen. In den nächsten Minuten zeigten sich weitere Mängel in der Leipziger Hintermannschaft nachdem mehrere Flanken von Piller zwar keinen Mitspieler fanden, aber trotzdem gefährlich vor das Tor der Gäste kamen. In der 14. Minute durfte sich Gulácsi erstmals auszeichnen, nachdem er einen Freistoß von Winkler entschärfte. Jung, der den Freistoß aufgrund eines dummen Foulspiels verursachte, sah zudem die gelbe Karte. Eine Minute später versuchte es Nukan auch per Freistoß, aber sein Schuss verlor sich im bayrischen Nachthimmel. Aus dieser Position wäre wesentlich mehr möglich gewesen und mit Bruno oder Jung standen sicherlich auch bessere Freistoßschützen auf dem Platz. In der 20. Minute hatte der Letztgenannte Anthony Jung Glück, dass er nach einem erneuten Foulspiel nicht die Ampelkarte sah und Rangnick reagierte und nahm den Flügelspieler in der 25. Minute vom Platz. Zuvor durfte Jung aber einen guten Kopfball von Nukan, der zwei Meter am Tor vorbei ging und das 2:0 für Unterhaching miterleben: Rosenzweig musste aus gut 14 Metern nur noch ins leere Tor einschieben, nachdem sich zunächst Gulácsi bei einer Freistoßflanke verschätzte und später Nukan den Ball nur unzureichend klaren konnte. Hier zeigte sich auch, dass RB Leipzig zwar große Namen auf dem Platz hatte, aber nur Unterhaching eine funktionierende Mannschaft präsentierte. Die inzwischen komfortable Führung der Gastgeber löste bei den Rasenballern zwar keine Trotzreaktion aus, aber immerhin kamen die Leipziger besser ins Spiel. Teigls Schuss aus 13 Metern zwang Unterhachings Schlussmann Marinovic sogar zur ersten guten Rettungsaktion und nach einem Sololauf von Quaschner musste der Neuseeländer den Ball kurz vor der Linie klären. Bis zur Halbzeit erspielten sich beide Mannschaften noch einige Chancen, wobei sowohl der Anschlusstreffer für die Leipziger, aber auch das 3:0 für die Hausherren möglich gewesen wäre.

Eine Halbzeit pfui und eine Halbzeit hui?

Als Fan von RasenBallsport Leipzig kann man sich fast immer auf eine beständige Gegebenheit verlassen: RB Leipzig spielt in einer Halbzeit gut, zeigt aber in der anderen Halbzeit eine ungenügende bis schlechte Leistung. Wohl in der Hoffnung, dass es auch gegen Unterhaching so sein würde, feuerten die mitgereisten Leipziger Anhänger ihre Mannschaft auch in der zweiten Halbzeit unermüdlich an und konnten zur zweiten Halbzeit Marcel Sabitzer als Einwechselspieler begrüßen. Für ihn verließ Nukan den Platz und Ilsanker nahm seinen Platz in der Innenverteidigung ein.
Direkt nach Wiederanpfiff zeigten die Spieler von RB Leipzig, dass sie sich doch noch nicht aufgegeben haben: Nach einer Flanke von Sabitzer versuchte es Selke aus sechs Metern direkt, aber sein Schuss verfehlte sein Ziel. In der 51. Minute war es Teigl, der Marinovic mit einem Lupfer prüfte, aber auch in dieser Szene war der Schlussmann hellwach. Zwei Minuten später durfte sich auch Gulácsi auszeichnen, als er bei einem Schuss von Sieghart zur Stelle war. Nach den ersten Minuten der zweiten Halbzeit, in denen sich RB Leipzig gegen die drohende Pleite aufbäumte, schien den Leipzigern die Luft auszugehen, was die Unterhachinger ausnutzten: Nachdem Georg Teigl der Ball versprang, bediente Einsiedler Steinherr, der sich freistehend vor Gulácsi diese Möglichkeit nicht entgehen ließ. Die Gäste versuchten zwar noch einiges (77. Minute: Quaschner nur ans Außennetz; 88. Minute: Halstenberg schießt im Strafraum Selke an), aber am Ende steht mit dem 3:0-Niederlage wohl eines der schlechtesten Spiele der Vereinsgeschichte zu Buche. RasenBallsport Leipzig hatte zwar einige Chancen (12 Torschüsse), aber präsentierte sich in nur wenigen Phasen des Spiels wenigstens ansatzweise als Team. Unterhaching nutzte die Gunst der Stunde und bezwang einen Favoriten, der sich wohl durch Rotation und fehlende Leidenschaft selbst aus dem Pokal warf. Nichtsdestotrotz muss man auch konstatieren, dass die Spielvereinigung Unterhaching sich sehr clever anstellte und mit blitzschnellen Umschaltspiel individuelle Fehler eiskalt ausnutzte.

Die Spieler in der Einzelkritik
Aufstellung: Gulácsi, Teigl, Sebastian, Nukan (46. Minute – Sabitzer), Jung (25. Minute – Halstenberg), Ilsanker, Khedira, Bruno (72. Minute – Kaiser), Poulsen, Selke, Quaschner

  • Gulácsi: Das 2:0 geht fast vollständig auf seine Kappe und im Vergleich zu Fabio Coltorti konnte er seine Vordermänner nicht präzise genug diktieren und leiten. Das Endergebnis lässt ihn aber schlechter dastehen, als er eigentlich war. In einigen Situationen konnte er sich auszeichnen und zeigte ansatzweise seine Klasse.
  • Teigl: Der Allrounder hätte, wie alle Spieler, die sonst nur auf der Bank auf ihre Einwechslung hoffen, seinen Startelfeinsatz nutzen können, spielte sich aber vielmehr durch einige hanebüchene Fehler aus der Mannschaft. Immerhin konnte er mit einigen Offensivaktionen für etwas Gefahr sorgen.
  • Sebastian: Der Abwehrhüne fand lange nicht ins Spiel, aber steigerte sich zum Ende hin.
  • Nukan: Die lange Verletzungspause sah man ihm an und durch sein schlechtes Stellungsspiel kamen die Gastgeber häufig gefährlich vors Tor. Man sollte aber nicht alles auf die fehlende Spielpraxis schieben, sondern sich fragen, wieso das Zusammenspiel mit Sebastian nicht funktionieren wollte.
  • Jung: Die scheinbare Überforderung zeigte sich durch fehlendes Timing in den Zweikämpfen und schlechte Passquoten. Verwöhnte Jung früher die Fans mit kreativen Offensivaktionen und sicherer Abwehrleistung musste er gegen Unterhaching von Ralf Rangnick vor dem Platzverweis geschützt werden.
  • Ilsanker: Der Österreicher zeigte eine durchschnittliche bis ausreichende Leistung, aber gehörte gegen die Oberbayern zu den Lichtblicken.
  • Khedira: Als er als einziger 6er agieren konnte, nutzte er den Mehrgewinn an Raum, aber hatte Defensiv einige Schwierigkeiten.
  • Bruno: Konnte man sich vor der Partie noch fragen, warum ein Spieler wie Bruno keinen Stammplatz hat, ist es nach dem Pokalspiel klarer. Seine starke Technik zeigte er häufig nicht einmal ansatzweise und in zu vielen Szenen fehlte ihm das Spielverständnis.
  • Poulsen: Obwohl er an kaum einer offensiven Aktion beteiligt war, könnte die Niederlage für ihn etwas Gutes haben. Er rannte viel und zeigte (im Gegensatz zu seinen Sturmkollegen) keine grauenvolle Abschlussschwäche.
  • Selke: Der U21-Nationalspieler erspielte sich vor allen in der zweiten Halbzeit Chancen, die er aber nicht nutzte. Seine erschreckend schwachen Torschüsse wurden nur noch von seinem schwachen Zweikampfverhalten unterboten.
  • Quaschner: Nachdem Quaschner bei seinen bisherigen Saisoneinsätzen immer für neue Impulse und Torgefahr sorgte, wirkte er gegen Unterhaching phasenweise wie ein Fremdkörper und ging völlig unter.
  • Halstenberg: Gute schnelle Vorstöße wechselten sich mit zu zaghaften Zweikämpfen ab.
  • Sabitzer: Seine Flanken sorgten für gefährliche Momente und er war noch einer der besten Leipziger auf dem Rasen. Sein gutes Zweikampfverhalten schaffte zudem indirekt Räume für seine Mitspieler und er wies noch mit die wenigsten Fehlpässe auf.
  • Kaiser: Seine Einwechslung hätte noch einmal für die Wende sorgen können, aber 18 Minuten vor Schluss kam sie wohl einfach zu spät.


  • Vor RB Leipzig scheiterten schon einige große Vereine an vermeintlichen Underdogs und es ist schon eine Auszeichnung, dass RasenBallsport Leipzig inzwischen als größerer Name im deutschen Fußball gilt. Als man selbst im Sommer 2011 als Regionalligist den VfL Wolfsburg besiegte, schrieben die Tageszeitungen auch von einer Sensation, wobei sich Wolfsburg in Leipzig nicht blamierte. Werder Bremen schied in den letzten Jahren mit stabiler Beständigkeit gegen unterklassige Mannschaften aus und auch RB Leipzig wird nicht die letzte Mannschaft sein, die sich im Pokal die Blöße gibt, aber das macht die Situation für Verein und Fans nicht angenehmer.
    Unterhaching bot eine kämpferisch ausgezeichnete Leistung und nutzte Abwehrfehler fast immer postwendend aus. In den zweiten 45 Minuten steigerten sich die roten Bullen zwar, aber zum schwachen Defensivverhalten gesellte sich eine viel zu harmlose Offensive. Die Leistung, die gegen Unterhaching gezeigt wurde, kann damit nicht nur das Resultat von der stark veränderten Startaufstellung sein. Selbstverständlich ist eine eingespielte Mannschaft in der Regel besser, aber im Training sollte jeder Spieler Laufwege einüben und sich auf seine Mitspieler einstellen. Im Training dürfte das auch alles funktioniert haben und Rangnick dürfte nicht nur genau diese Spieler eingesetzt haben, damit sie auch mal Spielzeit sammeln können. Er wird, wie wohl jeder Fan vor dem Anpfiff auch, davon ausgegangen sein, dass Profisportler immer alles geben und im Training Eingeübtes auch im Ernstfall abrufen können.
    Überschriften, wie „Leipzig verzockt sich“ sind immerhin nicht ganz so negativ formuliert und spiegeln eher die Tatsachen wieder: Nicht nur auf dem Papier hätte RB Leipzig gewinnen müssen oder es Unterhaching zumindest wesentlich schwerer machen müssen. Dass im Pokal auch mal die Underdogs gewinnen, weiß man als Fan von RasenBallsport Leipzig aus besseren DFB-Pokal-Tagen, aber inzwischen ist RB Leipzig in der Lage, auch mal als klarer Favorit auflaufen zu müssen. Schon in der Liga konnte man das eine oder andere Mal sehen, dass diese Favoritenrolle nicht jedem Spieler liegt, aber muss temporäres Kollektivversagen immer als Weltuntergang interpretiert werden? Die letzten Partien und der zweite Platz in der Tabelle zeigen doch, dass es aufwärts geht und ein Team zusammen wächst. Ein Team, was auch mal solche Niederlagen erleben muss, damit es noch mehr zusammen wächst und zu einer starken Einheit wird. Am Ende ist es ohnehin egal, ob man in der ersten Runde unglücklich gegen Osnabrück ausscheidet oder verdient gegen Unterhaching, aber selbstverständlich tut das „Wie“ weh, aber auch als Fan muss man solche Niederlagen miterleben und daran wachsen. Der Höhenflug der letzten Wochen hat sicherlich nicht wenige Fans zu sehr träumen lassen und jetzt können wir uns alle wieder auf das Wesentliche beschränken: Teambuilding und Aufstieg. Wenn RB Leipzig dann (irgendwann oder schon in der nächsten Saison?) in der ersten Liga spielt, benötigen wir auch keinen DFB-Pokal mehr um Duell gegen die deutschen Topclubs haben zu können.

    Anmerkung:
    Was die Spieler nicht auf dem Rasen zeigten, boten dafür die mitgereisten Fans: Leidenschaft über die volle Distanz. Diese Fans hätten ein besseres Spiel ihrer Mannschaft verdient, aber die Mannschaft darf gerne schon in Sandhausen ein anderes – besseres – Gesicht zeigen und ihre Anhänger für investierte Zeit, ausgegebenes Geld und Heiserkeit belohnen. Die Fans von der SpVgg Unterhaching zeigten einen eher zurückhaltenden Support und präsentierten zudem typische Banner. Mit 5000 Zuschauern war der Alpenbauer Sportpark außerdem bei weiten nicht ausverkauft und man kann sich fragen, welche Fans welche Mannschaftsleistung verdient gehabt hätten.

    Für Leipzig. Für RB. Für rot-weiße Fankultur.

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.