Junge Bullen gegen nicht ganz so alte Lokomotiven

Nächsten Samstag findet im „Stadion am Bad“ das Oberligaspiel zwischen der zweiten Mannschaft von RB Leipzig und dem 1.FC Lokomotive Leipzig statt. Das Spiel wirft nicht nur aufgrund der Tabellensituation große Schatten voraus, sondern der Kampf gegen den modernen Fußball und den Kommerz in eben diesen elektrisiert beide Fanlager.

Während in den letzten Wochen RasenBallsport Leipzig vermehrt in den Medien bezüglich eines möglichen Aufstiegs in die erste Bundesliga vertreten war, spielt auch die U23 der Rasenballer um einen Aufstieg. Derzeit belegt die zweite Garde von RB Leipzig den ersten Platz in der Oberliga NOFV-Süd und ist dem Aufstieg in die Regionalliga sehr nahe. Mit 59 Punkten führen sie souverän ihre Staffel an und haben auf den Zweitplatzierten, den FC Oberlausitz Neugersdorf, bei einem Spiel mehr 15 Punkte Vorsprung. Der 1.FC Lokomotive Leipzig belegt mit 40 Punkte den vierten Platz und konnte in dieser Saison auswärts im Schnitt 1,5 Punkte holen. RBL2 konnte hingegen im eigenen Stadion 2,58 Punkte einfahren.
Die Kicker von RB Leipzig dürften als Favorit gelten, aber in der Hinrunde trennten sich beide Teams nach einer hitzigen, aber fairen Partie 1:1 und die damaligen Gastgeber zeigten auf dem Rasen, dass sie durchaus mithalten können. Auf den Rängen gab es hingegen auch unschöne Szenen, wobei sich die meisten „Entgleisungen“ auf Gesangseinlagen mit unangebrachten Texten beschränkten. Die angefertigten Transparente zeigten altbekannte Inhalte und visuell gut akzentuierte Meinungen. Das erneute Aufeinandertreffen findet wieder unter besonderen Vorkehrungen statt: Aufgrund einer personellen Knappheit bei der Polizei wurde die Partie zunächst verschoben und gilt als Sicherheitsspiel. Laut offizieller Angaben fasst das Markranstädter Stadion am Bad 5’500 Zuschauer, was ein theoretisches Gästekartenkontingent von 550 bedeuten würde. Lokomotive Leipzig wurden aber 1’750 Tickets überlassen, was mehr als 31% der Gesamtkapazität entspricht. Vielen Fans und wenn man die Tweets von Lok so deuten möchte, ist das zu wenig, wobei Lok Leipzig selbst seinen Gästen nur 500 Karten zur Verfügung stellt (urbanite.de). Die Kapazität im Heimstadion von Lokomotive Leipzig ist dabei auf 7’000 beschränkt, was einen Gästeanteil von etwas über 7% (genau: 7,14) bedeutet. Da in unteren Ligen und in Besonderen bei zweiten Mannschaften selten mehrere tausend Gästefans anreisen, macht die 10%-Regel überflüssig. Lokomotive Leipzig selbst bringt verhältnismäßig wenige Auswärtsfans in fremde Städte mit: Gegen den FC Einheit Rudolstadt nahmen ca 800 Lok-Anhänger (Tweet von Lokomotive Leipzig) die rund 130km auf sich, aber damit stellten die Leipziger am 5.April trotzdem den Großteil der Zuschauer im Rudolstädter Stadion.

Loks holprige Fahrt
Nach der Gründung im Dezember 2003 absolvierte der neue alte Leipziger Verein seine erste Spielzeit in der Saison 2004/2005 in der 3. Kreisklasse Leipzig (Staffel 2) und wurde souverän Meister. Nach der Fusion mit dem SSV 52 Torgau konnte Lokomotive Leipzig bereits in der siebten Liga die Saison 2005/2006 absolvieren, wobei Torgau finanzielle Unterstützung für diese Fusion erfuhr. Frühere Fusionsversuche mit anderen Vereinen scheiterten, aber auch ohne weitere fusionsbedingte Ligasprünge war Lok für weitere Aufstiege auserkoren. Zur Saison 2007/08 kamen die Spieler aus Probstheida in der Landesliga Sachsen an und in den Spielzeiten 2012/2013 und 2013/2014 spielte man sogar viertklassig. Durch den Abstieg spielt der 1.FC Lokomotive Leipzig in der Saison 2014/2015 wieder in der fünften Liga, aber der Wiederaufstieg ist das angestrebte Ziel. Zu Beginn der Saison kam die Lok nur langsam ins Rollen und erst im dritten Spiel konnte der erste Saisonsieg gefeiert werden, aber die erste Saisonniederlage musste die Loksche erst am siebten Spieltag auswärts gegen den SG Union Sandersdorf hinnehmen. Die darauffolgenden Partien verliefen wechselhaft, aber ab den 15. Februar und der 2:1 Niederlage im Auswärtsspiel gegen die zweite Mannschaft vom Chemnitzer FC verlor Lok Leipzig sieben Spiele in Folge nicht mehr. Erst im Auswärtsspiel gegen die zweite Mannschaft von Erzgebirge Aue, die mit einigen Zweitligaspielern aufgefüllt wurde, musste man wieder ohne Punkte einen Spieltag beenden. Die direkte Rückkehr in die Viertklassigkeit ist aufgrund der noch zu vergebenden Punkte zumindest rechnerisch noch möglich, aber Platz eins ist bei noch 21 zu holenden Punkten und 19 Punkten Rückstand mehr als eine trügerische Utopie, aber umso wichtiger dürfte das kommende Spiel gegen die Zweite von RasenBallsport Leipzig sein. Für viele Anhänger von Lok Leipzig ist das Duell mit RBL eine Möglichkeit zu zeigen, was Tradition und Vereinsliebe bedeutet und gleichzeitig wahrt man die Chance auf den Aufstieg, da unter Umständen sogar der dritte Platz reichen könnte.

Aus dem SSV geboren…

Die Fans vom 1.FC Lokomotive Leipzig sehen sich gerne als direkten Nachfolger vom VfB Leipzig, aber wer bestimmt, wer wirklich der Nachfolger ist? Wenn eine Privatperson sich der breiten Öffentlichkeit als Reinkarnation von Albert Einstein präsentiert, würden wohl die wenigsten dem großen Genie zujubeln. Vielmehr würde man dieser Person den Vogel zeigen und womöglich Psychologen einschalten. Wenn aber ein Verein beziehungsweise dessen Verantwortliche und Fans behaupten, dass sie eine ruhmreiche Geschichte haben, sich dabei auf die Geschichte eines anderen, nicht mehr existierenden Vereins berufen, soll das nicht nur legitim, sondern auch wahr sein? Niemand verneint, dass Lokomotive Leipzig in den bald 12 Jahren des Bestehens nicht wenige sportliche Erfolge und für einen Fünftligisten eine herausragende Fanbase vorzuweisen hat, aber die Neugründung hat nicht mehr viel als den Namen mit einem der erfolgreichsten DDR-Vereine gemein. Der altehrwürdige Name bringt aber sicherlich eine gewisse Verantwortung mit sich: Traditionelle Fußballwerte sind für die Fans ein wichtiges Gut und nur allzu gerne möchte man an die Erfolge des wirklichen 1.FC Lokomotive Leipzig anknüpfen. Dass dieser aber durch Staatsorgane (nach heutigen Maßstäben) regelwidrig unterstützt wurde und damit enorme Vorteile genießen konnte, wird seltener erwähnt.
RasenBallsport Leipzig und somit auch die U23 von RBL kann, wie der Stadtrivale, auf eine kurze, aber sehr erfolgreiche Vereinshistorie zurückblicken. Die erste Oberligasaison wird aller Voraussicht nach nur als Durchgangsstation in die Regionalliga genutzt und die U23 als Sprungbrett für die erste Mannschaft. In dieser Saison verlor die Mannschaft gerade einmal zwei Spiele und konnte in den letzten sechs Ligaspielen den Platz als Sieger verlassen. Toptorjäger Tom Nattermann (20 Tore) hat fast jedes dritte Tor für RB Leipzigs Zweite erzielt und wird von vielen Anhängern als zukünftiger Bundesligaspieler gehandelt. Auf Seiten der Loksche erzielte Gianluca Marzullo(11 Tore) sogar mehr als jedes dritte Tor und auch in der Defensive kann Lok Leipzig mit guten Spielern aufwarten. Mit 17 Gegentoren stellt der FCL die drittbeste Abwehr, wohingegen RBL sogar die zweitbeste Abwehr der Liga (16 Gegentore) hat. Nur Neugersdorf ließ weniger zu (15 Gegentore) und die Lausitzer zeigen sogar eine Gemeinsamkeit zwischen den Leipziger Vereinen auf: Beide spielten in der Hinrunde unentschieden gegen Neugersdorf und konnten in der Rückrunde ihre Spiele gegen den derzeit Zweiten der Tabelle für sich entscheiden.

Machen wir’s wie Kaiserslautern: Logolos, aber ohne Sonderstellung

Die Verantwortlichen von Lokomotive Leipzig verzichten auf sämtlichen Seiten, Publikationen und ähnlichen auf das Logo von RBL und obwohl sie selbst auf ihrer Homepage nur die „Abkürzung“ 1.FC Lok Leipzig anstatt 1.FC Lokomotive Leipzig verwenden, wird der Vereinsname von RasenBallsport Leipzig voll ausgeschrieben. Im Vergleich dazu wurde in der Hinrunde auf solche Spielereien verzichtet und das Vereinslogo von RasenBallsport Leipzig verwendet (Tweet von Lok Leipzig). Der 1.FC Lokomotive Leipzig stellt sich gerne selbst als weltoffener und toleranter Verein hin, aber mit solchen Aktionen kann man dieses Bild nur schwerlich aufrecht erhalten. Man kann gerne etwas gegen die Vereinsstruktur und einen Verein an sich haben, aber mit solchen Kampagnen ändert man nichts und oftmals wirkte es nur wie ein verzweifelter Versuch Zustimmung zu generieren. Diese Zustimmung benötigt Lok aber überhaupt nicht: Im Schnitt besuchen 2’380 Zuschauer die Spiele im Bruno-Plache-Stadion und das bestbesuchte Spiel dieser Saison war gegen RB Leipzig 2 (4’925). Die Spiele von RB Leipzigs U23 besuchen im Schnitt nur 293 Anhänger, was aber für eine zweite Mannschaft durchaus ein guter Wert ist. Die Zweite vom Chemnitzer FC spielt durchschnittlich vor 194 Leuten und auch Spiele von Dynamo Dresden 2 (171) werden nur von wenigen Fans wahrgenommen. Die Zuschauerschnitte von anderen Oberligavereinen, wie zum Beispiel Neugersdorf (289) und VfL Halle 1896 (142) zeigen, dass die 5. Liga keine Fanmassen anzieht. Die U-Mannschaften von Profivereinen dienen vielen Fans nur als Ausgleich, wenn der eigentliche Proficlub auswärts spielt oder man Talente beobachten möchte. Bei Lokomotive Leipzig ist dies auch nicht anders, wie die Zuschauerzahlen der U23 beweisen. Im letzten Heimspiel gegen TuS Leutzsch waren gerade einmal 30 Zuschauer (Link) vor Ort. Die stichprobenartige Überprüfung von anderen Spielen der U23 von Lokomotive Leipzig offenbarte ähnliche Zahlen. Natürlich ist die Landesklasse Nord nicht die attraktivste Liga, aber rechtfertigt das, dass die Liebe zum Verein geringer wird? Kennt Liebe doch eine Liga? Jeder, der sich über den geringen Zuschauerzuspruch von der U23 von RasenBallsport Leipzig aufregt, sollte sich die restlichen Zuschauerstatistiken anschauen und sich fragen, wann er oder sie das letzte Mal selbst ein Spiel der eigenen zweiten Mannschaft live verfolgt hat. Der Hass, der auch der zweiten Mannschaft von RB Leipzig entgegengebracht wird, äußert sich in den letzten Tagen vermehrt über soziale Plattformen. Die Anreise ohne Ticket oder der Kauf von Heimtickets wird im offiziellen Lok-Forum empfohlen und dazu gehört es sich dann auch, dass man seine Fanutensilien versteckt und dabei wird doch immer den Anhängern von RB Leipzig vorgeworfen, dass sie ihre Fanutensilien nicht offen zeigen. Im Forum kann man auch lesen, dass Anhänger von Lokomotive Leipzig bereits im Red Bull Shop sich Tickets für den Heimbereich gekauft haben, was durchaus Konfliktpotential bereit halten könnte. Im Forum selbst wird aber auch darauf hingewiesen, dass „Wer hier von „verantwortungslos“ spricht, der stellt die Lok-Fangemeinde in ein schlechtes Licht.
Denn wenn sich jeder zivilisiert verhält, dann wirde nichts ernstes passieren.“
Dass der Austragungsort nicht wirklich geeignet für so ein Spiel ist, sollte jeden klar sein. Die strikte Fantrennung dürfte durch die Kompaktheit kaum durchsetzbar sein, aber selbst wenn sich die Fanlager vermischen, kann es ein tolles Fußballspiel werden, wenn sich alle daran erinnern, worum es geht: Fußball und die Liebe dazu. Das viele Fans keine Tickets mehr bekamen, zeigt nur den Stellenwert der Partie. Das Bruno-Plache-Stadion war diese Saison nur gegen RasenBallsport Leipzig 2 fast ausverkauft, aber sonst kaum es nie zur Ausnahmesituation, dass man sich über zu wenige Eintrittskarten hätte beschweren können.

Zählbares gibt es nur über den Rasenballsport

Abseits von vergessenen Logos und angekündigten beziehungsweise angedrohten Aktionen werden die Spieler darüber entscheiden wer sich am Ende als Sieger feiern lassen kann. Beide Trainer können auf einen breiten Kader zurückgreifen und weder aufgrund von Verletzungen, noch wegen Sperren muss auf Stammkräfte verzichtet werden. Zumindest das sind hervorragende Vorzeichen für ein tolles Fußballspiel. Als Fan, der Gewalt und Hass ablehnt, kann man schlicht und einfach nur auf den gesunden Menschenverstand hoffen und sich wünschen, dass alles friedlich und fair bleibt. Eine gesunde Rivalität kann der Nährboden für Motivation und Ehrgeiz, aber auch für gewalttätige Übergriffe und negative Schlagzeilen sein. Jeder Fan hat es in der Hand das Spiel zum positiven Aushängeschild für seinen Verein zu machen und durch frühes Einschreiten verhindern, dass ein paar Chaoten die große Bühne für vereinsschädigendes Verhalten missbrauchen.

Für Leipzig. Für den Sport. Für friedliche Fankultur.

2 Kommentare zu “Junge Bullen gegen nicht ganz so alte Lokomotiven

  1. Die Fans von Lok Leipzig würden ihrem Verein einen Gefallen tun ,wenn sie immer so zahlreich erscheinen würden, aber nein: Zum Putzen kamen 40!!! VIERZIG Leute und warum? Weil man sich da körperlich betätigen musste? Weil man damit dem Verein nicht hilft? Hauptsache gegen RB Stunk machen. Wenn sich jeder um seinen Verein kümmern würde, wäre allen geholfen, aber einige Unverbesserliche müssen ja immer das Haar in der Suppe finden. RBL kann man nur noch sportlich stoppen, aber dafür müsste man sich ja mal auf das Sportliche konzentrieren. Wenn am Samstag nur einer von den Lokschen durchdreht, darf der Verein wieder zahlen und wird früher oder später pleite sein. Ist das Fanliebe?

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